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Hahn Digital: „Mit Data Analytics steigern wir die Qualitätsraten“

Interview: Dr. Martin Bleider, Leiter Consulting Services bei Hahn Digital
Hahn Digital: „Mit Data Analytics steigern wir die Qualitätsraten um 10 bis 20 Prozent“

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Wo Fertigungsunternehmen in Sachen Digitalisierung stehen und warum Data Analytics meist noch nicht in den Lastenheften auftaucht, berichtet Dr. Martin Bleider, Leiter Consulting Services bei Hahn Digital.

Autor: Armin Barnitzke

Warum hat die Hahn Group mit Hahn Digital eine Digitalisierungstochter gegründet?

Bleider: Die Hahn Group ist eine Gruppe von Sondermaschinenbauern und Integratoren, die für verschiedene Branchen Hightech-Linien für Montage, Material Handling und Prüftechnik baut. Und bei unseren Kunden fasst die digitale Transformation Schritt für Schritt Fuß. Unsere Kunden wollen Transparenz in den internen Prozessen und stellen deshalb entsprechende Anforderungen, was sie bei unseren Anlagen in Sachen Daten und Digitalisierung gerne umgesetzt haben möchten. Daher hat sich die Hahn Group entschlossen, das Thema Digitalisierung in einer eigenen Gesellschaft zentral zu bündeln, anstatt viele ähnliche Insellösungen zu entwickeln. Idee von Hahn Digital ist es voranzugehen, Trends aufzunehmen und interessante Lösungen auf dem Markt aufzuspüren. Wir wollen das Thema Digitalisierung proaktiv vorantreiben und nicht nur auf Kundenanforderungen reagieren.

Arbeiten Sie also in erster Linie den anderen Hahn-Firmen zu?

Bleider: Nicht nur. Natürlich bieten wir unser Portfolio für die Unternehmen der Hahn Group an, um digitale Services als Zusatz für unsere Maschinen zu verkaufen. Wir sind aber auch eigenständig am Markt aktiv. Datenanalyse von Maschinen- und Prozessdaten können wir nicht nur auf Hahn-Linien anbieten, sondern auch für andere Anlagen. Der Kunde möchte ja schließlich nicht für jede Fertigungslinie eines anderen Herstellers eine eigene Datenauswertung haben. So bauen wir wiederum neue Kontakte auf – die dann auch wieder für die Hahn Group interessant sind.

Wo stehen die Hahn-Kunden in Sachen Digitalisierung?

Bleider: Es gibt hier große Unterschiede zwischen den Branchen: Wir haben ja eine breite Kundenbasis – von Automotive, Elektronik, Medizintechnik und Healthcare bis hin zur Konsumgüterindustrie. Manche unserer Kunden sind gerade erst dabei, eine Konnektivität und Vernetzung herzustellen. Andere wiederum haben schon eine gewisse Sichtbarkeit geschaffen und nutzen aufbereitete Daten etwa für KPI-Auswertungen. Und einige davon wollen ihre Datentöpfe jetzt siloübergreifend auswerten – sie wollen beispielsweise die Mess- und Prüfdaten aus der Qualitätssicherung mit den Prozessparametern gemeinsam auswerten. Die nächste Stufe im Acatech Industrie 4.0 Maturity Index, die Prognosefähigkeit, erreichen erst ganz wenige Firmen. Hier gibt es meist erste Tests und Pilotprojekte, etwa im Bereich Predictive Maintenance.

Gibt es Unterschiede zwischen den Branchen? Oder hängt der Digitalisierungsreifegrad vor allem von der Firmengröße ab?

Bleider: Natürlich hängt der Digitalisierungsreifegrad auch von der Größe ab, aber nach meinen Kundenerfahrungen gibt es durchaus Unterschiede in den Branchen: Die Automotive-Industrie ist viel weiter in den Bereichen Datenauswertungen, Dashboards und KPIs. OEE-Auswertungen sind hier fast schon Standard. Da die Automotive-Branche bereits eine KPI-Grundlage gelegt hat, beschäftigt man sich dort auch mehr mit dem Thema Data Analytics. Die Kunststoffbranche dagegen ist noch nicht so weit – hier ist man eher noch beim Thema Vernetzung und Datenerschließung.

Mit welchen Themen kommen also die Hahn-Kunden auf Sie zu?

Bleider: Oft geht es zunächst um das Thema Datenvisualisierung. Viele produzierende Unternehmen haben MES-Systeme im Einsatz – von der Feinplanung über Auftragsrückmeldung bis zur Überwachung von Performance-Kennzahlen. Hier wollen die Kunden, dass wir die Hahn-Linien an die MES-Systeme anbinden. Bei der Visualisierung bestimmter Kennzahlen reicht aber zuweilen das MES-System des Kunden nicht aus. Oder die Kunden wollen sich auch ohne MES in Richtung OEE-Überwachung erweitern und wollen daher, dass dies mit der Hahn-Maschine mitgeliefert wird. Der nächste Schritt wäre dann der Einstieg in das Analytics-Thema.

Das heißt?

Bleider: Mit entsprechenden Machine-Learning-Algorithmen kann man die Daten übergreifend auswerten und so neue Erkenntnisse gewinnen, weil sich mit Mustererkennung Parameter parallel auswerten lassen – und nicht nur einfache unidirektionale Zusammenhänge untersucht werden können. Allerdings steht eine solche Data Analytics noch nicht in den Anforderungskatalogen der Kunden.

Warum nicht?

Bleider: Es ist wohl der fehlende Erfahrungsschatz. Was verschiedene Data Analytics Technologien und Lösungen leisten können, ist schlecht vergleichbar und daher schwierig vom Einkauf zu bewerten. Aber das Interesse bei den Technikern und Produktionsverantwortlichen ist definitiv da. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis sich Data Analytics etabliert hat. Die Frage wird dann aber auch sein, ob Data Analytics künftig mit jeder Maschine und Linie mitgeliefert wird oder ob das ein Bestandteil einer IoT-Plattform des Kunden sein wird. Hier muss sich noch zeigen, welches Konzept sich durchsetzt.

Welche Ergebnisse liefern Ihre Data-Analytics-Pilotprojekte?

Bleider: Wir können zum Beispiel analysieren, an welchen Prozessparametern es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit liegt, dass ein Teil zum Ausschuss wird. Und dabei können wir eben nicht nur einen Parameter, etwa die Schweißspannung oder das Schraubdrehmoment betrachten, sondern wir können gewisse Kombinationen von Parametern identifizieren, die ausschlaggebend sind, dass ein Teil NIO wird. Damit können wir die Qualitätsraten (First Time Yield) um 10 bis 20 Prozent steigern. Spannend wird es, wenn wir eine kontinuierliche Überwachung der Linie umsetzen, mithilfe derer die Prozessparameter der Linie auch direkt angepasst werden können. Ich freue mich darauf, in diesem Themenfeld mehr Projekte umzusetzen und Erfahrungen zu sammeln, welche Potenziale wir mit welchem Aufwand heben können.

Nutzen Sie eigene Analytics-Algorithmen? Oder Standard-Tools?

Bleider: Bei den Analytics-Algorithmen arbeiten wir mit Partnern zusammen. Dadurch können wir dem Kunden eine spannende Kombination bieten aus schlauen Analytics-Köpfen einerseits und dem Manufacturing-Knowhow unserer Linienbauer andererseits.

Algorithmen werden ja umso schlauer, mit je mehr Daten sie trainiert werden. Wollen Sie alle Hahn-Anlagen auf einer IoT-Plattform zusammenführen?

Bleider: Nun, die Hypothese „mehr Daten machen jeden Algorithmus besser“ muss man differenzierter betrachten. Es kommt auf die Anwendung an: Wenn ich Daten von ganz unterschiedlichen Linien bei ganz unterschiedlichen Kunden mit ganz unterschiedlichen Teilen zusammenführe, dann wird der Algorithmus beim Trainieren nicht besser, sondern eher verwaschener. Deswegen ist ein solches Thema vor allem bei Standardkomponenten sinnvoll, etwa wenn ein Hersteller wie SKF seine Lager auf Ausfallwahrscheinlichkeiten untersucht. Für uns ist es relevanter, die einzelne Linie im Detail anzuschauen, etwa auf Basis einer Prozessmodellierung. Dann kann ich schon mit einer begrenzten Menge eine aussagekräftige Datenanalyse durchführen.

Die Hahn-Tochter Robshare bietet ja Roboter zur Miete an: Gibt es hier Anknüpfungspunkte in Sachen zentrale Datenauswertung?

Bleider: Wir arbeiten gemeinsam an datenbasierter Abrechnung und flexiblen Pay per Use Modellen. Allerdings ist das am Markt so noch nicht angekommen. Die meisten Kunden wollen Kostensicherheit, also entweder den Roboter kaufen oder eine fixe Miete, aber kein Pay per Use. Was wir uns aber sehr intensiv anschauen: wie wir den Roboter Support verbessern können mit digitalen Services – ob nun bei Robshare mit Mietrobotern, bei Rethink mit den Cobots, aber auch bei anderen produktorientierten Hahn-Firmen wie Walther Systemtechnik (Dosiertechnik) und Wemo (Linearroboter). Hier wollen wir die Inbetriebnahme und das Trouble Shooting digital unterstützen, etwa mit Augmented Reality.

Hahn Digital GmbH

www.hahn.digital

Frankfurt Airport Center 1

Hugo-Eckener-Ring

60549 Frankfurt


Das ist die EVE Suite

Mit der EVE Suite bietet Hahn Digital ein Portfolio konkreter Lösungen für die digitale Transformation zur Smart Factory. Dazu gehören:

  • EVE Vision: Eine intelligente Lösung für die automatische visuelle Prüfung. „Dank der Nutzung fortschrittlicher Machine Vision Algorithmen erreicht das Vision-System ein bisher beispielloses Niveau der Fehlererkennung“, so Dr. Martin Bleider.
  • Mit EVE Analytics können Kunden die Daten ihrer Produktionsanlage sammeln, aufbereiten und auswerten. Das Angebot reicht von der Maschinenanbindung über Datenvisualisierung bis zu Data Analytics.
  • EVE Support verbessert die Kommunikation bei der Fehlerbehebung in Anlagen. Die Mitarbeiter vor Ort werden mit Augmented-Reality-Fernwartungsbrillen von erfahrenen Technikern angeleitet.
  • EVE Protect: ein auf produzierende Unternehmen zugeschnittenes Cybersecurity-Portfolio mit ausgefeilten Monitoring-Lösungen.

Laut Bleider gibt es durchaus Synergien zwischen den Tools der EVE Suite. „Das sind zwar alles eigenständige Lösungen, diese können aber sehr gut miteinander kombiniert werden.“ Mit EVE Vision könne man beispielsweise durch die automatisierte visuelle Inspektion detaillierte Daten zum Produkt erzeugen, die weit über IO und NIO hinausgehen: Was war der Fehler? Häufen sich Fehlerbilder? „Mit diesen Daten kann ich ganz anders in eine Datenanalyse einsteigen.“ Und auch bei der Support-Unterstützung mit Augmented-Reality-Brillen könne es sehr hilfreich sein. Zukünftig will Hahn Digital das EVE-Portfolio nicht nur innerhalb der vier Portfoliostränge erweitern, sondern auch ein fünftes Standbein dazunehmen. „Mit EVE Design werden wir Themen wie Digital Twins und virtuelle Inbetriebnahme adressieren“, so Martin Bleider.


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