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„Das Thema FTS entwickelt sich sehr rasant weiter“

Interview: Manfred Hummenberger/Wolfgang Hillinger (DS Automotion) und Markus Külken (SSI Schäfer)
„Das Thema FTS entwickelt sich sehr rasant weiter“

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Über Trends und Märkte bei fahrerlosen Transportsystemen (FTS) sprechen Manfred Hummenberger und Wolfgang Hillinger (DS Automotion) und Markus Külken (SSI Schäfer).

Autor: Armin Barnitzke

Wie entwickelt sich der Markt für fahrerlose Transportsysteme (FTS)?

Hummenberger (DS Automotion): Momentan entwickelt sich das Thema FTS sowohl in technologischer Sicht als auch aus Sicht der Anwendungen sehr rasant weiter. Neben dem flexiblen und für die Kunden maßgeschneiderten FTS-Anlagengeschäft etabliert sich in vielen Bereichen zusätzlich ein sehr standardisiertes FTS-Produktgeschäft.

Welche Branchen sind der Treiber dieser rasanten Entwicklung?

Külken (SSI Schäfer): Die Branchen sind breit gemischt – von E-Commerce und Retail über Food & Beverage bis zur Industrie.

Hillinger (DS Automotion): Das stimmt. Aufgrund der stark zunehmenden Automatisierung sowohl in der Logistik als auch in den Montageanwendungen herrscht branchenübergreifend eine sehr starke Nachfrage hinsichtlich FTS. Wir bei DS Automotion haben unser Geschäft auf bestimmte Anwendungen und Branchen wie Automotive sowie Zulieferindustrie, Krankenhäuser und das breite Feld der Intralogistik ausgerichtet. Im Bereich der Intralogistik unterstützen wir insbesondere unseren Partner SSI Schäfer in dessen Zielbranchen mit unseren Systemen.

Wie unterscheiden sich die Anforderungen in den Branchen?

Külken (SSI Schäfer): Die Anforderungen der Branchen ähneln sich zwar, definieren sich aber letztlich durch Auftragsstrukturen, Artikelspektrum und Transportaufgaben. Im E-Commerce unterstreichen beispielsweise die erhöhten Anforderungen an kleine Bestellgrößen und schnelle Belieferungswege den Trend in Richtung KLT-Mover – das bedeutet das Möglichmachen von konstanteren, verlässlicheren Materialflüssen und keine Sammlung an Pufferplätzen, bis Palettengrößen transportoptimiert zusammengestellt sind.

Und in der Industrie?

Külken (SSI Schäfer): In der Industrie lösen sich Routenzüge mit der identischen Begründung immer mehr auf und die Änderbarkeit von FTS-Flotten lässt adaptivere Lager- und Produktionsumfelder bei unseren Kunden zu. Denn IT-Werkzeuge für das durchgängige Supply Chain Planning verlassen sich auf getaktete, liefertreue Transporte – auch werksintern. Aber auch die kleinen und mittelständischen Unternehmen greifen immer mehr auf Fahrerlose Transportsysteme zurück, um den Einstieg in Automatisierungen zu finden.

Und wie reagiert DS Automotion auf die Branchenanforderungen?

Hillinger (DS Automotion): In der Automobilindustrie nutzen zahlreiche OEMs und Zulieferer unsere Systeme für die hoch flexible Montage von Motoren, Antriebsstrangkomponenten und Hochvolt-Speicher für die E-Mobilität. Im wachsenden Markt der Intralogistik-Anwendungen lösen automatisierte Staplerfahrzeuge als auch Unterfahr-Fahrzeuge vermehrt konventionelle Flurförderzeuge sowie andere Beförderungstechnologien ab. Und in den Krankenhäusern entlasten FTS das Personal von einfachen, aber körperlich anstrengenden Tätigkeiten. Mit den Produktfamilien Sally und Lucy haben wir Lösungen für den automatisierten Hol- und Bringdienst. Der Sally Kurier im speziellen für den Bereich der „Last Mile – Anlieferung“.

Unabhängig von den Branchen: Kommt die Nachfrage aus Materialfluss und Intralogistik oder geht es bereits um Smart-Factory-Ansätze wie die flexible Verknüpfung von modularen Produktionseinheiten als Ersatz für die traditionelle Linienfertigung?

Külken (SSI Schäfer): Die Nachfrage kommt aus beiden Richtungen. Wir merken immer mehr, dass diese Themen auch in der Produktions- und Logistikplanung unserer Kunden aktueller und damit gewünscht anwendbar werden. Getaktete Produktionen, adaptive Produktionseinheiten, Matrixproduktionen entscheiden heute über gesamte Liefer- und Lagerketten, davor und danach. Daher beginnt die Reise mit einem Kunden oft in der Produktion. Erst in einem darauffolgenden Schritt werden wir uns bewusst über Lagerkomponenten und passende Materialtransportelemente wie FTS. Andererseits merken wir aber auch immer häufiger, dass die Materialflussplanung beim Kunden startet und dann rückwärts kaskadiert wird.

Es gibt inzwischen wahnsinnig viele FTS-Player am Markt: Neben klassischen FTS-Anbietern auch Robotikgrößen wie Kuka und Stäubli oder Mobilrobot-Newcomer wie MiR und Omron sowie Maschinenbauer wie Tünkers und IBG: Ist der Markt groß genug? Oder steht eine Konsolidierung an?

Külken (SSI Schäfer): Hier kann man nur mutmaßen. Ich gehe davon aus, dass wir in ein paar Jahren Spezialisierungen finden werden, die entweder in Bezug auf den Fahrzeugbau oder die Branche spezielle FTS anbieten oder eben versuchen, wiederholbare logistische Aufgaben mit Standard-Fahrzeugen zu beantworten. Der FTS-Markt wird in den kommenden Jahren stark wachsen und jeder versucht heute schon, Marktanteile durch organisches oder anorganisches Wachstum zu sichern.

Hummenberger (DS Automotion): Die Begleiterscheinung eines boomenden Geschäftsbereiches ist natürlich auch der Anstieg der vielen Newcomer. Hier glauben wir schon, dass es nach einer gewissen Euphorie wieder zu einer Ernüchterung kommt und Kunden sich wieder verstärkt auf Anbieter mit langjähriger Erfahrung verlassen. Das FTS Geschäft ist einerseits ein sehr entwicklungsintensives Geschäft und zugleich auch ein typisches Anlagengeschäft mit entsprechendem Risikopotential. Viele der neuen Marktbegleiter werden rasch erkennen, dass es um langfristig erfolgreich zu sein nicht reicht, gewisse Technologien zuzukaufen und aus einem bunten Mix dann eine Lösung zu schmieden.

Wo sind noch technische Herausforderungen zu lösen?

Külken (SSI Schäfer): Meines Erachtens werden wir schneller als gedacht homogenisierte Schnittstellen, eine Austauschbarkeit von Fahrzeugen sehen. Aber die Hürden bis dahin sind noch nicht genommen. Diejenigen Anbieter, die es schaffen, nicht nur Flotten schnell in Betrieb zu nehmen, sondern Fahrzeugflottengrößen im dreistelligen Bereich ermöglichen, werden sich einen entscheidenden Vorteil am Markt erarbeiten.

Hillinger (DS Automotion): Auch im Bereich der Sicherheitstechnik im Speziellen der 3D-basierenden Technik gibt es noch Herausforderungen. Das Thema Standards wird zurzeit sehr stark besetzt durch die standardisierte VDMA5050-Schnittstelle zwischen Fahrzeugen und Flottenmanager. Hier gibt es konkrete Entwicklungsaufgaben.

Wie gehen SSI Schäfer und DS Automotion den Markt an?

Külken (SSI Schäfer): SSI Schäfer ist kein klassischer Fahrzeuganbieter, auch wenn wir das Weasel selbst entwickelt haben, bauen und auch betreiben. Wir vertrauen auf die Kompetenz unseres Partners DS Automotion in und um das Fahrzeug herum und die Integration der Flotte in unsere Lösung für den Kunden. SSI Schäfer ist dann Generalunternehmen gegenüber dem Kunden. Dabei sind wir nicht nur für die Integration in das intralogistische System verantwortlich, sondern treiben auch die Integration in die IT-Landschaft des Kunden.

SSI Schäfer

www.ssi-schaefer.com

DS Automotion GmbH

www.ds-automotion.com


FTS-Markt in drei Dimensionen

Mit Blick auf den FTS-Markt unterscheidet Markus Külken (SSI Schäfer) drei verschiedene Perspektiven:

  • Anbieter: Am FTS-Markt kann differenziert werden zwischen kundenspezifischen Fahrzeugen und Standardfahrzeugen. Gerade im Bereich der Standardfahrzeuge ist der Markt bereits sehr umkämpft und der Wettbewerb nimmt stetig zu. Külken: „Vor allem Anbieter aus dem asiatischen Raum werden auch zunehmend auf dem europäischen Markt zu spüren sein.“
  • Technologie: Die technologischen Fortschritte im Bereich der Sensortechnologie ermöglichen eine immer sicherere und einfachere Inbetriebnahme. Zudem können die Lösungen immer kostengünstiger angeboten werden. Zugleich werden die Lösungen zur Lastenhandhabung immer variantenreicher, um immer mehr intralogistische Herausforderungen bewerkstelligen zu können. Wichtiges Thema ist auch eine Standardisierung der Schnittstellen, um die Integration zu vereinfachen und skalierbar werden zu lassen. Külken verweist hier insbesondere auf die VDA5050-Norm zur Kommunikation zwischen Fahrerlosen Transportfahrzeugen (FTF) und einer Leitsteuerung.
  • Kundensituation: „Die Kunden haben immer mehr Herausforderungen, verlässlich und konstant Lagerpersonal zu gewinnen und müssen daher bei repetitiven und standardisierbaren Logistikaufgaben auf einfache Automatisierung zurückgreifen – etwa bei Transport- und Stapleraufgaben“, so Külken. Hinzu kommt der steigende Performance-Druck: „Ein weitestgehend automatisierter Prozess ist vorhersehbar und berechenbar – ich weiß als Kunde genau, wieviel Leistung mein System zu welchem Zeitpunkt bringen wird.“

Zu den Personen

Manfred Hummenberger und Wolfgang Hillinger bilden seit September 2018 die Geschäftsführung des Linzer FTS-Pioniers DS Automotion. Markus Külken ist Director Business Development Self Driving Technology & Robotics bei SSI Schäfer. Der Logistik-Riese SSI Schäfer hat sich 2018 an DS Automotion beteiligt, um sich im FTS-Segment zu verstärken.

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