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Roboter-Revolution: Wo steht die Robotik-Szene in Deutschland?

Robotik erobert neue Anwendungsfelder – auch dank KI
Roboter-Revolution: Wo steht die Robotik-Szene in Deutschland?

Im Zuge der Demokratisierung der Robotik werden Roboter auch für die breite Masse zugänglich. Wo steht die deutsche Robotik-Szene bei dieser Roboter-Revolution im internationalen Vergleich?

Autor: Armin Barnitzke

Die Robotik steht vor einer Zeitenwende. Neue Technologien machen den Robotereinsatz so einfach, dass die Robotik für ganz neue Anwenderkreise wie KMUs interessant wird. Olaf Gehrels, Vorstand im Deutschen Robotik Verband, sieht in dieser Masseneinführung der Robotik sogar „die größte Veränderung in unserem Leben seit der industriellen Revolution. Und diese wird sich noch in diesem Jahrzehnt vollziehen.“

Dabei profitiert die Robotik auch von den Fortschritten bei der künstlichen Intelligenz (KI). „Denn Robotik ist sozusagen verkörperte KI“, sagt der Robotik-Experte Dr. Werner Kraus vom Fraunhofer IPA. „Da Roboter im Kontext von Industrie 4.0 in vernetzten Produktionen basierend auf aktuellen Sensordaten zunehmend als cyberphysische Systeme agieren, sind sie eines der typischsten Anwendungsfelder für KI.“

Robotik größer als KI?

Manche Stimmen behaupten sogar, dass Robotik über kurz oder lang sogar wichtiger sein wird als KI: „KI alleine stößt eben schnell an ihre Grenzen, wenn es keine Verkörperung – also einen Arm oder eine Hand – gibt, die auch in der physischen Welt Aufgaben erledigen kann“, erläutert Patrick Schwarzkopf, Geschäftsführer des VDMA Robotik und Automation. Ob und wann was größer oder wichtiger sein wird – KI oder Robotik –, ist Schwarzkopf letztlich egal. „Fakt ist jedoch: KI und Robotik spielen immer mehr und immer enger zusammen.“ Mit KI könne man beispielsweise die Programmier-, Einricht- und Umrüstaufwände deutlich reduzieren, so Kraus. „Gleichzeitig werden Roboter dank KI robuster und können Prozessungenauigkeiten selbst ausgleichen.“

Die deutsche Robotik-Szene

Deutschland ist nach Einschätzung des VDMA-Experten Schwarzkopf für diese Robotik-Revolution hervorragend positioniert, „denn wir haben eine ganz ausgezeichnete Bildungs-, Hochschul- und Forschungslandschaft.“ Zudem sei in Deutschland die ganze Bandbreite abgedeckt – „von der klassischen Industrierobotik mit höchster Leistungsfähigkeit bis hin zu neuen Konzepten der Low-Cost-Robotik. Von etablierten Herstellern bis hin zu Start-ups, die völlig neue Wege gehen.“

Weitere Vorteile sieht der VDMA in der extrem guten Position der deutschen Bildverarbeitungsindustrie sowie im ausgeprägten Anwendungs-Know-how in vielen spezifischen Domänen. Und gerade auch die vielversprechende Kombination aus Robotik und KI sei hierzulande stark vertreten. „Was wir allerdings verbessern könnten, ist sicherlich die Geschwindigkeit – gerade verglichen mit China und den USA. Auch die eher konservativen Investments bei neuen Technologien sollte man überdenken“, ergänzt IPA-Experte Kraus.

Von China über USA bis Odense

Denn auch anderswo wird die Robotik-Revolution vorangetrieben. Ein kurzer Überblick:

  • China – ohnehin der größte und dynamischste Robotermarkt der Welt – investiert massiv in Robotik und KI. „Insbesondere in Shenzhen, dem Silicon Valley Chinas, werden gerade viele Robotikfirmen gebaut“, berichtet Schwarzkopf.
  • Auch in den USA fließt viel Risikokapital in eine sehr aktive Gründerszene. „In den USA gibt es gute Geschäftsmodelle mit viel verfügbarem Risikokapital, das in Robotik investiert wird“, so Kraus.
  • Japan als Mutterland der Industrierobotik ist ebenso in Bewegung. Kraus: „Japan spürt schon länger als die übrigen Länder den demographischen Wandel, weshalb viele Unternehmen in die Servicerobotik eingestiegen sind.“

„Daher müssen wir in Europa mächtig Gas geben, um von Asien und USA nicht völlig abgehängt zu werden“, betont Olaf Gehrels, der lange auch beim chinesischen Kuka-Mutter konzern Midea gearbeitet hat. Immerhin: „Der dänische Cobot-Cluster Odense hat gezeigt, was in Europa möglich ist.“ In Odense ist rund um Universal Robot in den letzten Jahren ein starkes Ökosystem entstanden, das unter dem Namen Odense Robotics als Cluster und Start-up-Hub aktiv auftritt.

Drei Robot-Cluster in Deutschland

In Deutschland dagegen gibt es – noch– keinen echten Robotik-Cluster. Das Robotik-Know-how ist über das ganze Land verteilt. „Deutschland ist eben föderal aufgestellt, alles ist wesentlich gleichmäßiger verteilt. Es gibt ja keine Konzentration auf eine Hauptstadt, wie das z.B. in Frankreich der Fall ist“, sagt Schwarzkopf. „Wir wissen aber auch, dass die sehr starke Konzentration auf einen Ort oder eine Region Netzwerkeffekte haben kann, die nicht zu unterschätzen sind – siehe Silicon Valley, Shenzhen oder Odense“, so Schwarzkopf weiter. „Dessen muss sich das föderal aufgestellte Deutschland bewusst sein.“

Immerhin kristallisieren sich aber doch einige Robotik-Schwerpunkte heraus. Dazu zählen Baden-Württemberg, München und Dresden.

Robotik-Cluster Dresden/Sachsen

  • Dresden gilt in Sachen Robotik als Newcomer – kann mit dem Vorzeige-Startup Wandelbots aber ein echtes Aushängeschild vorweisen. Zudem bietet Sachsen als High-tech Standort – mit Playern wie VW und Infineon oder der TU Dresden – eine sehr gute Ausgangslage. Mit Mitteln der Wirtschaftsförderung hat sich kürzlich das „Robot Valley Saxony“ gegründet. Dresden und Sachsen marschieren also gerade zügig los in Richtung Robotik, wie auch das 2021 erstmals organisierte Dresden Robotics Festival gezeigt hat.

Robotik-Cluster Stuttgart/Baden-Württemberg

  • Auch in Baden-Württemberg gibt es die Bestrebung, ein Robotics Valley aufzubauen. Die Voraussetzungen dafür sind gut. Im Großraum Stuttgart bzw. in Baden Württemberg sind nicht nur spannende Start-ups wie Fruitcore Robotics, Neura Robotics, Artiminds oder Drag&Bot sowie Robotik- und Automationsgrößen wie Fanuc oder Festo beheimatet, sondern auch jede Menge etablierter Mittelständler, die der Robotik mit Greifern (Schunk, Zimmer, Schmalz) oder Sensorik- und Sicherheitstechnik (Sick, Pilz) zuarbeiten. Außerdem sitzt im Ländle mit dem Cyber Valley (Tübingen) der größte KI-Forschungsverbund Europas. Hinzu kommen starke Universitäten und Forschungseinrichtungen wie das KIT oder das Fraunhofer IPA.

Robotik-Cluster München

  • München profitiert von der TU München mit ihren vielen KI- und Robotik-Aktivitäten. Als Beispiel ist hier das Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence (MIRMI) unter Leitung des Zukunftspreis-Gewinners Professor Sami Haddadin zu nennen. Zudem investiert die Bayrische Landesregierung stark in die Robotikforschung. Darüber hinaus gibt es in München spannende Start-ups wie Franka Emika, Agile Robots, Robco (the Robot Company) oder Robominds. Auch Universal Robots hat sein Deutschland-Headquarter in München aufgeschlagen. Und nicht zuletzt haben IT-Konzerne wie Apple, Google und IBM in München ihre Deutschland-Standorte. Google hat mit dem KI-Start-up Intrinsic sogar einige Robotik-Vordenker wie Martin Hägele (Ex-IPA) und Prof Dr. Kroeger (Ex KIT) angelockt.

Von Odense lernen

Ein echter Robotik-Cluster wie in Odense hat sich allerdings noch nicht herausgebildet. „Denn die zaghaften Versuche, mit dem Robot Valley Saxony in Dresden und in der Region München ein Robotik-Cluster zu etablieren, funktionieren bis heute noch nicht wirklich“, sagt DRV-Vorstand Helmut Schmid. „Odense hat dies geschafft, weil persönliche Eitelkeiten und Interessenkämpfe hintenanstehen beziehungsweise gemeinsam an einem Strang gezogen wird. Hier haben wir noch einiges zu lernen.“ Der Deutsche Robotik Verband hat es sich daher zum Ziel gesetzt, einen Robotik Clusters nach dem Vorbild des Clusters in Odense zu schaffen. „Dabei denken wir diesen Cluster nicht zentralistisch mit räumlicher Fokussierung, sondern inhaltlich“, so Gehrels.

Schließlich habe Deutschland die Innovationskraft und die Möglichkeiten, bei der Robotik-Revolution ganz vorne mit dabei zu sein, ergänzt sein DRV-Kollege Schmid: „ Wir sollten dieses Feld definitiv nicht den Googles, Amazons oder Teslas überlassen. Das Rennen ist aus meiner Sicht offen und noch nicht entschieden. Am Ende wird sich aber immer die beste Technologie durchsetzen und ich hoffe, diese kommt aus Deutschland und Europa.“

https://www.vdma.org/robotik-automation

https://robotikverband.de/

https://www.ipa.fraunhofer.de


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