Deutsche Unternehmen können von Invesitionswelle profitieren – wenn Sie sich ranhalten

Industrie 4.0 in China: Nicht kleckern, sondern klotzen

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China gibt in Sachen Automation und Industrie 4.0 mächtig Gas, um sich an die Spitze des technischen Fortschritts zu setzen. Doch mit Geld alleine kann sich China keine Technologieführerschaft erkaufen – es fehlt noch an Erfahrung und Knowhow. Das birgt Chancen für deutsche Unternehmen.

Autor: Armin Barnitzke

„Noch vor wenigen Jahren war China ein Billiglohnland – moderne Fertigungs- und Kommunikationstechnologien spielten in den Fabriken keine Rolle“, berichtet Chinamarkt-Experte Christoph Hoene, Geschäftsführer bei Hoene Consult. „Das hat sich dramatisch geändert. Selbst mittelständische Unternehmen in entlegenen Regionen rüsten inzwischen technisch auf.“ China habe sich mit großer Begeisterung auf Industrie 4.0 gestürzt und automatisiert auf breiter Front, so seine Erfahrung: „Und wie in China üblich, gibt man sich dabei nicht mit Zwischenschritten zufrieden, sondern will gleich an die Spitze des technischen Fortschritts springen.“

Das liegt vor allem daran, dass die Regierung die Bedeutung des Themas erkannt hat und signifikante Maßnahmen ergreift, ergänzt Daniela Bartscher-Herold, Partner der EAC- Euro Asia Consulting, die internationale Unternehmen in Emerging Markets berät: „Die chinesische Regierung hat die Etablierung der Industrie 4.0 im Rahmen der Initiative Integration of Informatization and Industrialization als Top-Priorität definiert.“

Beispielsweise plant China in Schlüsselindustrien wie Automobil und Elektronik das Smart Manufacturing zu etablieren. Dabei verfolgt man das ehrgeizige Ziel, bei Schlüsselkomponenten wie Sensorik und Robotern einen Eigenfertigungsanteil von bis zu 75 Prozent zu erreichen. So hat China das Ziel, bereits schon 2020 jährlich 100 000 Industrie-Roboter aus heimischer Produktion zu verkaufen, berichtet die International Federation of Robotics (IFR).

Enormes Kapital investiert

Basis der Automationsoffensive ist die Strategie Made in China 2025. „Hier ist geplant, 40 industrielle Innovationszentren zu eröffnen, um insbesondere die F&E-Aktivitäten sowie die Kommerzialisierung der Resultate zu fördern“, berichtet Daniela Bartscher-Herold. Und dafür investiert die chinesische Regierung enormes Kapital.

„Mit den großzügig ausgestatteten Finanzierungstöpfen können überall im Reich der Mitte enorme Investitionen getätigt werden. Die Chinesen bauen Forschungs- und High-Tech-Zonen auf, von denen in Deutschland keiner zu träumen wagt“, lobt Thomas Rohrbach, Geschäftsführer des Beratungshauses Staufen Digital Neonex. Die Politik habe hier ihre Hausaufgaben ausgezeichnet gemacht: „Die Strategie ist bis in die letzte Provinz hineingetragen worden.“

Riesige Investitionswelle rollt an

Auch Christoph Hoene ist beeindruckt: „Mit der Initiative Made in China 2025 werden die finanziellen Mittel für eine riesige Investitionswelle freigesetzt.“ Zwar sei nicht jede Investition, die mit staatlicher Hilfe erfolgt, auch sinnvoll und erfolgreich. „Die schiere Größenordnung der Investitionswelle in China führt jedoch fast zwangsläufig dazu, dass etwas hängen bleibt.“ Zusammen mit der schieren Größe des chinesischen Marktes und der bekannten Umsetzungsgeschwindigkeit chinesischer Unternehmen werde dies dazu führen, dass sich China in vielen Bereichen eine führende Rolle erarbeitet. Als mahnendes Beispiel führt Hoene die Fotovoltaik an, wo China sich bereits an die Spitze gesetzt hat.

Es fehlt an Ideen

Zumal die Chinesen dabei durchaus geschickt agieren, in dem sie sich an globalen Marktführern wie USA, Japan und Deutschland orientieren und dann diverse Erfolgsmodelle zu einem individuellen New Chinese Modell kombinieren, erläutert Bartscher-Herold. So orientiere sich China im Automobilsektor und in der Fertigungstechnik an Deutschland, während in Sachen Elektronik und Sensorik die Japaner als Innovationsführer gelten und die USA den Chinesen als Benchmark für den Bereich digitaler Applikationen und Geschäftsmodelle dienen – beziehungsweise dienten: „Denn mittlerweile haben hier chinesische Firmen in vielen Segmenten bereits die Führerschaft übernommen, beispielsweise bei Online-Bezahldiensten.“

Rohrbach nickt: „Im Consumer-Bereich ist China mit Alibaba, Wechat, Alipay & Co. schon weltweiter Trendsetter.“ Inwieweit die Industrie daran anknüpfen könne, bleibe aber noch abzuwarten. Zwar werde in Sachen Automation und Industrie 4.0 nicht gekleckert, sondern geklotzt: „Dumm ist nur, dass in China oft keiner weiß, was er wirklich damit anfangen kann. Es fehlt an Ideen, daraus etwas zu machen. Hier brauchen die Chinesen Impulse von außen.“

Ein Weg können und sollen Firmen-Zukäufe sein, wie auch das Beispiel der Kuka-Übernahme durch Midea zeigt. „Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass China natürlich sehr starkes Interesse an Outbound M&A bezüglich Automatisierung und Industrie 4.0 hat“, weiß Jan Rohde, Managing Director bei EAC: „Die verstärkten M&A-Aktivitäten stellen ein Vehikel dar, um in einer offenen oder auch versteckten Agenda die gesteckten Technologieziele zu erreichen.“

Deutschland droht keine Gefahr

EAC seien Projekte in mehrfacher 3-stelliger Millionenhöhe bekannt, die den Aufbau von Industrie-4.0-Holdings in Europa unter Notierung an internationalen Börsenplätzen anstreben, verrät Rohde. Allerdings hänge die Realisierung dieser ehrgeizigen Akquisitionspläne auch stark davon ab, inwieweit auf deutscher Seite solche chinesischen Investments befürwortet werden – oder aber blockiert, sagt Rohde. Denn nach der Kuka-Übernahme tauchten in Deutschland verstärkt Stimmen auf, die vor einem Ausverkauf des deutschen Industrie-4.0-Knowhows warnten.

„Diese Gefahr sehe ich nicht“, winkt Hoene ab: „Vor wenigen Jahren waren es die Japaner, die Deutschland leer kauften, davor die Amerikaner und jetzt eben die Chinesen.“ Zumal deutsche Unternehmen durchaus auch großzügig einkaufen: „Alleine die Übernahme von Monsanto in den USA durch Bayer hat ein Volumen, das fünfmal so groß ist wie sämtliche chinesische Akquisitionen in Deutschland im vergangenen Jahr.“

Löhne in Küstenregionen steigen

Rohrbach sieht das Ganze ebenfalls sehr gelassen: „Als mittelständischer Industrieunternehmer hätte ich ohnehin lieber einen strategischen, langfristig denkenden Investor aus China, der mir neue Innovationsdynamik bringt, als einen angelsächsischen Finanzinvestor, der lediglich an mir verdienen will und nach vier Jahren wieder aussteigt.“

Ob Übernahmen oder nicht: Klar ist, dass das Thema Automation und Industrie 4.0 nicht alleine von der Politik getrieben wird, sondern auch von der chinesischen Industrie selbst. Das zeigt sich nicht zuletzt am Robotereinsatz, wo China die Industrieroboterstatistiken vor High-Tech-Industrien wie Südkorea und Japan anführt. Bis 2020 will China den Aufstieg in die Top-10 der weltweit am stärksten automatisierten Nationen schaffen. Heute liegt das Reich der Mitte auf Rang 28.

„Automatisiert wird vor allem in den Küstenprovinzen, insbesondere Shanghai, Jiangsu und Zhejiang“, berichtet EAC-Mann Jan Rohde. Denn hier wächst der Ergebnisdruck durch stark inflationierte Lohnkosten und die Verknappung von qualifiziertem Personal. „Arbeit ist teuer und knapp geworden, entsprechend steht derzeit vor allem die arbeitskraftunabhängige Montage im Fokus der Automatisierungsprojekte“, bestätigt Thomas Rohrbach. „Insbesondere im Süden Chinas fehlt es inzwischen massiv an Arbeitskräften. Den Firmen bleibt also kein anderer Weg als die Automatisierung.“

Vieles ist bei uns ein alter Hut

Zumal die Industrie einen zunehmenden Wettbewerbsnachteil spürt, beispielsweise gegenüber anderen Ländern aus dem APAC-Raum: „Sie muss daher automatisieren, um die Kosten zu senken“, so Rohrbach. Und diese Investitionen steigen weiter an. Was auch daran liege, dass die chinesische Regierung enorme Finanzierungsmittel für Industrie-4.0-Projekte zur Verfügung stellt, an denen die Unternehmen gar nicht vorbeikommen, sagt Rohrbach: „Sie fühlen sich fast verpflichtet, hier zu investieren.“

Allerdings seien dies nicht immer Investitionen in Highend-Industrie-4.0-Lösungen. „Die meisten Projekte in China beschränken sich auf klassische Automatisierungs- und Effizienzsteigerungsthemen“, sagt Daniela Bartscher-Herold. Das bestätigt Christoph Hoene: „Vieles, was in China unter Industrie 4.0 wahrgenommen wird, ist in Deutschland seit Jahren Stand der Technik.“ Hier haben deutsche Unternehmen also einen Wissensvorsprung, der ihnen oft gar nicht bewusst ist.

Allerdings gibt es laut Rohrbach durchaus einige ganzheitliche Smart-Factory-Projekte. „Sie sollen belegen, dass die Chinesen in der Lage sind, hochmoderne Maschinenfabriken zu bauen. Es geht hier vor allem darum, Benchmarks zu setzen und zu demonstrieren, dass das Land nicht mehr die Werkbank der Welt ist.“ Abgesehen von solchen Leuchttürmen sei der Alltag aber oft mühsam, sagt Rohrbach: „Die chinesischen Unternehmen haben enorme Probleme damit, ihre Wertschöpfungskette effizient zu gestalten und moderne Führungssysteme zu etablieren.“ Insofern fehle ihnen die Basis für die Industrie 4.0.

Erfahrung nicht über Nacht

Nachhaltig hohe Qualität, optimierte Effizienz und internationale Aufstellung entstehen nicht über Nacht, bestätigt Christoph Hoene. Nach seinem Eindruck wachse daher auch in China die Erkenntnis, dass Knowhow und Erfahrung erarbeitet werden müssen und nicht einfach durch die Übernahme ausländischer Unternehmen eingekauft werden können.

Insbesondere das fehlende Systemintegrations-Knowhow ist auch für Daniela Bartscher-Herold ein ganz entscheidender Knackpunkt: „Das durch repatriiertes Knowhow von Humanressourcen der im Ausland ausgebildeten chinesischen Nachwuchskräfte zeigt Schwachstellen darin, das verfügbare Wissen tatsächlich in Prozesse zu integrieren und in mess- sowie übertragbare Erfolge umzusetzen – dies ist für mich das größte Defizit.“

Deutschland als Vorbild

Das eröffnet für ausländische Automationsexperten also nach wie vor große Möglichkeiten. Das gilt insbesondere für deutsche Firmen, weiß Christoph Hoene: Deutschland ist das große Vorbild. Der Glaube, dass sich in Deutschland die ,richtige Industrie 4.0‘ findet, ist in China weit verbreitet.“ Zumal die deutsche Technik in China seit jeher einen hervorragenden Ruf genieße.

„Deutschland wird in China als weltweit führend bei der Entwicklung einer digitalisierten und vernetzten Industrie angesehen, im Gegensatz beispielsweise zu den USA“, bestätigt Thomas Rohrbach. Für ihn sind Chinesen und Deutsche daher perfekte Partner mit komplementären Eigenschaften: „Die eine Seite ist schnell und innovativ, die andere behäbig, aber mit dem nötigen Systemdenken, großer Strukturiertheit und hohem Qualitätsbewusstsein ausgestattet. „Beide profitieren also voneinander und das sollten sie nutzen.“

Allerdings sollten sich deutsche Unternehmen den lokalen Besonderheiten und Business-Kulturen anpassen können und wollen – dies sei noch nicht immer der Fall. „Die chinesischen Unternehmen haben in den vergangenen Jahren massiv an Selbstbewusstsein gewonnen, sie fordern Schnelligkeit und Serviceorientierung, deutsche Ingenieurskunst alleine reicht schon lange nicht mehr aus.“ Für die Technologielieferanten gelte es daher „die Puschen gegen Joggingschuhe auszutauschen, dann bieten sich ihnen enorme Chancen.“


Zentren der Industrie 4.0: Wo die Musik spielt

  • Shanghai: Der Raum Greater Shanghai gilt als einer von zwei Gravitationszentren für Industrie 4.0 in China. Insbesondere der Zhangjiang Industriepark in Shanghai soll ein führendes Cluster für Industrie 4.0 werden. Für den Großraum Shanghai als Industrie-4.0-Hochburg sprechen: großer Markt, entwickelte Industriestrukturen sowie zahlreiche Universitäten und Forschungseinrichtungen.
  • Shenzhen: Als zweiter chinesischer Industrie-4.0-Hotspot gilt Shenzhen in der Provinz Guangdong im Süden. Die Nachbarstadt von Hongkong hat sich in wenigen Jahren zu einem führenden Zentrum der Informationstechnologie entwickelt, in dem Schwergewichte wie ZTE und Huawei ansässig sind.
  • Kunshan: In Kunshan (wie Shanghai im Osten in der Provinz Jiangsu) entsteht ein Smart Manufacturing Cluster. In einem Testbed für Smart Equipment testen verschiedene Produzenten Schnittstellen, um End-to-End-Kommunikationen zu gewährleisten.
  • Peking/Golf von Bohai: In Peking befindet sich ein Cluster mit dem Fokus auf Softwarelösungen. Rund um den Golf von Bohai etablieren sich zudem Universitäten und lokale Player für fahrerlose Transportsysteme und Schweißroboter.
  • Hangzhou: Die Hauptstadt der chinesischen Provinz Zhejiang etabliert sich als Software-Hochburg, hier sitzen unter anderem Firmen wie der E-Commerce-Riese Alibaba.

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