Industrie 4.0: Führungsebene ist digitaler Bremsklotz

Industrie 4.0 Index: Beweggründe für Digitalisierung sind konservativ und folgen kaufmännischen Motiven

Führungsebene ist ein digitaler Bremsklotz

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Die digitale Transformation lässt sich nicht durch Knopfdruck umsetzen, sondern ist ein komplexer Prozess, der firmenintern gesteuert werden muss. Bild: Fotolia/momius
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Deutsche Firmen kommen auf dem Weg in die Industrie 4.0 zwar voran. Doch es fehlt das Gespür für neue Geschäftsmodelle. Zudem kristallisiert sich mangelndes Knowhow in der Führungsebene als Knackpunkt heraus.

„Nachdem die deutsche Industrie 2015 große Schritte in Richtung Digitalisierung und Vernetzung gemacht hatte, hat die Geschwindigkeit des Wandels 2016 zwar etwas abgenommen, aber die Richtung konkretisiert sich.“ So fasst Thomas Rohrbach, Geschäftsführer von Staufen.Digital Neonex die Ergebnisse des zum dritten Mal erhobenen Deutschen Industrie 4.0 Index zusammen, für den die Unternehmensberatung 277 Industrieunternehmen in Deutschland befragt hat.

Danach sank der Anteil von Unternehmen, der sich bisher noch nicht konkret mit der Industrie 4.0 beschäftigt hat, um vier Prozentpunkte auf 15 Prozent. Knapp die Hälfte der Unternehmen ist mittlerweile über die Abwarte- oder Analysephase hinaus. Und immerhin ein Drittel sammelt bereits Erfahrungen mit der Smart Economy, allerdings meist in Form von Einzelprojekten. Umfassend operativ umgesetzt wird Industrie 4.0 erst bei ganz wenigen Unternehmen.

Zu etwas zurückhaltenderen Zahlen kommt eine Studie von IDG Research Services unter 339 IT-Verantwortlichen in der DACH-Region. Danach haben rund 20 Prozent der Unternehmen schon erste Projekte rund um Industrie 4.0 realisiert: Vier Prozent der Unternehmen haben bereits länger Projekte rund um Industrie 4.0 produktiv umgesetzt, 15 Prozent entsprechende Projekte abgeschlossen. Auf der anderen Seite spielt Industrie 4.0 für 27 Prozent der Firmen derzeit überhaupt keine Rolle. 18 Prozent der Unternehmen planen zur Zeit keinerlei Aktivitäten für die digitale Produktion, in neun Prozent der Firmen ist Industrie 4.0 gar kein Thema.

Optimierung statt Revolution

Ohnehin ist von „industrieller Revolution“ wenig zu spüren: 74 Prozent der deutschen Firmen erwarten sich laut Staufen Index durch die Digitalisierung vor allem wirtschaftliche Verbesserungen. Die Beweggründe, sich mit Digitalisierung zu beschäftigen, sind daher eher konservativ und folgen klassischen kaufmännischen Motiven: So sollen die unternehmensinterne Effizienz (88 %) und die Transparenz von Abläufen (79 %) gestärkt sowie Kosten gesenkt (61 %) werden.

Grundlegende Umbrüche sind nicht in Sicht: Nur noch 57 Prozent erwarten einen spürbaren Wandel bei den Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten – 2015 waren dies immerhin noch 72 Prozent. Zudem sieht nur etwas mehr als ein Drittel der Unternehmen neue Geschäftsmodelle als Treiber für die 4.0-Bemühungen.

Das bestätigt die IDG-Umfrage: „Auffällig ist, dass die Unternehmen den Fokus mehr auf die Verbesserung der aktuellen Prozesse richten als auf Optionen für neue Geschäftsmodelle“, so die Studie. Die meisten Unternehmen profitieren von Industrie 4.0, indem sie einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz (45 Prozent) erreichen, Produktionskosten einsparen (41 Prozent) oder die allgemeinen Kosten senken (40 Prozent). Dagegen sind die Werte für neue Serviceangebote (28 Prozent), die Erschließung neuer Business-Modelle wie Pay by Use oder neue Kundenpotenziale mit jeweils 20 Prozent relativ niedrig.

Ähnliches berichtet eine VDI-Umfrage: Danach sind nur 10 Prozent der Unternehmen intensiv mit der Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle beschäftigt. Mehr als die Hälfte befasst sich kaum oder sogar gar nicht damit, die eigenen Produkte mit datenbasierten oder Online-Dienstleistungen zu verknüpfen. „Wir müssen viel mehr in digitalen Geschäftsmodellen denken“, fordert VDI-Direktor Ralph Appel. „Denn dies ist der Schlüssel, um auch in Zukunft Geld zu verdienen.“

Wettbewerb unterschätzt

Apropos Geld verdienen: Auch, was mögliche Gefährdungen des eigenen Geschäftsmodells angeht, sind die Befragten im Staufen Index zurückhaltend. Nur die Hälfte erwartet hier Veränderungen. Entsprechend entspannt ist man auch in Bezug auf neue Wettbewerber, die den technologischen Paradigmenwechsel nutzen könnten, um etablierte Unternehmen in Bedrängnis zu bringen. Nur jeder zehnte Befragte glaubt, in den kommenden zwei Jahren von neuen Wettbewerbern angegriffen zu werden.

Immerhin: Langfristig (also in zehn Jahren) sieht mehr als die Hälfte der Unternehmen die Bedrohung durch neue Konkurrenz. „Das Risiko, dass Industrie 4.0 neue Konkurrenz beflügelt, ist den Befragten zwar durchaus bewusst. Doch scheinen viele die Geschwindigkeit disruptiver Prozesse zu unterschätzen“, warnt Rohrbach. „Durchschnittlich vergehen zwei Jahre, bis ein Unternehmen einen Wettbewerber wahrnimmt. Das ist im Zeitalter der Digitalisierung aber eine Ewigkeit. Plattformen wie Uber und Airbnb haben beispielsweise in nur zwei Jahren ihre jeweiligen Märkte bereits radikal verändert.“

Manager und Mitarbeiter bremsen

Interessant ist zudem: Nicht hohe Kosten oder fehlende Normen und Technologien behindern den Weg in die Industrie 4.0. Als größtes Hindernis auf dem Weg zum Smart Enterprise kristallisiert sich die Management Ebene heraus: 74 Prozent der Befragten beklagen fehlendes Wissen bei den Führungskräften. „Entscheidend sind der Aufbau von Digital- und Smart-Data-Kompetenz sowie vor allem ein neues Verständnis von Führung, denn es gilt, eine Unternehmenskultur der Innovation zu ermöglichen“, so Rohrbach.

Dass Industrie 4.0 verstärkt ein Thema für Arbeitswelt und Führungsfragen ist, bestätigt auch das aktuelle Trendbarometer Arbeitswelt des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa). „Digitalisierung und Industrie 4.0 werden die Topthemen in den nächsten Jahren sein“, betont ifaa-Direktor Prof. Dr. Sascha Stowasser. „Die letzten Jahre waren erst einmal davon geprägt, Informationen zu sammeln. Jetzt geht es für die Unternehmen in die Umsetzung.“

Das zeige sich auch an der Entwicklung des Themas Führungsmanagement, dessen Bedeutung seit drei Jahren stetig wächst. „Denn ohne gute Führung lässt sich der Wandel nicht erfolgreich umsetzen. Auch Führung muss sich dem Wandel anpassen und zu Führung 4.0 werden, “ erläutert Stowasser. Dabei gebe es sechs Themenbereiche, in denen die Veränderungen hauptsächlich stattfinden: „Rolle der Führung, Entscheidung und Verantwortung, Umgang mit Daten, Unternehmenskultur, Veränderung von Aufgaben sowie Zusammenarbeit und Kooperation“.

IT-Kompetenz fehlt

Doch nicht nur auf der Führungsebene ist Wandel gefragt: So bewerten die von Staufen Befragten die Qualifikation der Mitarbeiter ebenfalls als nicht besonders gut. Es fehle vor allem an ganzheitlichem, integrierbaren Systemwissen sowie an IT- und Automatisierungskompetenz.

Den Mangel an IT-Fachkräften, die für das Gelingen der digitalen Transformation entscheidend sind, beklagt auch der VDI. Dieter Westerkamp, Bereichsleiter Technik und Wissenschaft im VDI: „Die Zahl der offenen Stellen steigt – auf einen arbeitslos gemeldeten Informatiker kommen heute 3,5 Stellen.“ Daher tun sich nicht mehr nur kleine Unternehmen schwer, IT-Fachkräfte zu finden, sondern inzwischen auch große. Problematisch ist dabei für den VDI, dass die Unternehmen zunehmend IT-Entwicklungsleistungen ins Ausland verlagern oder aus dem Unternehmen herausgeben: „Als Konsequenz daraus wird das für die digitale Transformation notwendige Knowhow nicht im eigenen Unternehmen aufgebaut – und auch nicht am Standort Deutschland.“

Effizenz und Transparenz sind die Treiber der Digitalisierung.
Bild: Staufen
Fehlendes Wissen ist die größte Hürde auf dem Weg in die Industrie 4.0.
Bild: Staufen

Praxisorientierter Leitfaden

Da viele Unternehmen mit dem Aufbruch in die Industrie 4.0 zögern, hat ein interdisziplinäres Konsortium aus Forschungseinrichtungen und Unternehmen unter dem Dach von acatech den Industrie 4.0 Maturity Index als handfesten Leitfaden entwickelt. Entlang eines sechsstufigen Reifegradmodells bildet er eine Richtschnur für Unternehmen, die ihre individuelle Roadmap entwickeln möchten. Ein neu gegründetes Industrie 4.0 Maturity Center in Aachen unterstützt Unternehmen bei der Anwendung des Indexes und bündelt als neutrale Plattform die Nachfolgeaktivitäten.

Anhand des mehrdimensionalen Reifegradmodells können Unternehmen ihren Status Quo analysieren und ihre Industrie 4.0 Strategie ableiten. Der Maturity Index betrachtet Unternehmen aus technologischer, organisatorischer und kultureller Perspektive. Sechs Entwicklungsstufen zeigen, wie Daten gewonnen, analysiert und nutzbar gemacht werden können. Das Vorgehen berücksichtigt dabei das Zusammenspiel von Informationssystemen, Ressourcen, Unternehmensorganisation und Unternehmenskultur.

www.i40.acatech.de

Zusatz BU

IT ist der Treiber

Obwohl Industrie 4.0 ja ausdrücklich auf die Fertigung zielt, gibt laut einer IDG-Studie nur in einem Fünftel der Unternehmen der Produktionsleiter den Ton bei der Planung und Umsetzung der Industrie 4.0 an. In etwas mehr als einem Drittel der Firmen (36 Prozent) ist es die Geschäftsführung. Im Gros der Unternehmen ist die IT-Abteilung in Person des IT-Leiters (45 Prozent) oder des CIOs (28 Prozent) federführend für das Thema Industrie 4.0 verantwortlich (Mehrfachnennungen möglich).

Der Anteil der Digitalisierungsmuffel schwindet, doch umfassend umgesetzt wird das Thema erst bei wenigen Firmen.
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Droht der Industrie ein Uber oder ein Airbnb? Kurzfristig sehen die deutschen Unternehmen keine Gefährdung durch neue Wettbewerber.
Bild: Staufen


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