Startseite » Industrie 4.0 »

„Es wird Konsolidierung bei Cloud-Plattformen geben“

Interview: Dr. Christian Schlögel, Chief Technology Officer (CTO) der Kuka Group
„Es wird Konsolidierung bei Cloud-Plattformen geben“

Kuka_Dr._Christian_Schloegel.jpg
Bild: Kuka
Anzeige
Im Zuge der Industrie 4.0 schließen Maschinenbauer verstärkt strategische Partnerschaften mit IT-Firmen. Warum das so ist und wieso Industrieunternehmen mehr Leute mit Software-Knowhow brauchen, erläutert Dr. Christian Schlögel, Chief Technology Officer (CTO) der Kuka Group, im Interview.

Autor: Armin Barnitzke

Kuka kooperiert mit Infosys und SAP, ABB paktiert mit IBM und Microsoft, DMG und Dürr kooperieren mit der Software AG. Woher kommt das Bedürfnis von Industriefirmen, IT-Partnerschaften zu schließen?

Schlögel: Auslöser ist die Industrie 4.0. Dafür benötigt man sowohl Industrie- als auch IT-Kompetenz. Und solche Partnerschaften erhöhen die Geschwindigkeit, um die Maschinenbaukompetenz auf der einen Seite mit IT-Kompetenz auf der anderen Seite zu verbinden. Wir bei Kuka folgen da einer logischen Abfolge: Mit Infosys haben wir uns im ersten Schritt einen IT-Dienstleister mit globaler Präsenz als Partner an Bord geholt, mit dem wir weltweit in Implementierungsprojekte gehen können. SAP wiederum hilft uns nun bei der Anbindung, weil viele potenzielle Kunden ein SAP-Backend haben. Zudem haben wir noch weitere Partner. Im nächsten Schritt stehen Dinge wie Machine Learning und künstliche Intelligenz im Fokus.

Warum erst im nächsten Schritt? Künstliche Intelligenz ist doch gerade in aller Munde…

Schlögel: Natürlich ist das ein wichtiges Thema. In der Realität haben aber viele Unternehmen die Themen Anbindung von Maschinen, Datensammlung und Cloud-Konnektivität noch gar nicht gelöst. Machine Learning und ähnliche weitergehende Verfahren beruhen jedoch darauf, dass man schon eine große Anzahl von Daten zur Verfügung hat. Es geht um die logische Abfolge: Warum soll ich mir darüber Gedanken machen, wie ich im Dachgeschoss mein Bad ausgestalte, wenn das Fundament noch gar nicht fertig ist.

Sie selbst kennen als langjähriger SAP-Manager sowohl die IT- als auch die Industriewelt. Verstehen sich Maschinenbau und IT? Sprechen beide Seiten die gleiche Sprache?

Schlögel: Nicht wirklich. Oft benutzt man gleiche Worte, redet aber über unterschiedliche Dinge. Wenn ein IT-Unternehmen über Echtzeit spricht, dann ist das etwas anderes, als wenn ein Maschinenbauer über Echtzeit unter Saftey-Aspekten spricht. Von daher hilft es, wenn man Mitarbeiter hat, die in beiden Welten agieren und die jeweilige Sprache verstehen. Das ist auch einer der Gründe, warum es für Maschinenbauer wie Kuka Sinn macht, Cloud-Töchter wie Connyun zu gründen – eben als Brückenbauer.

Benötigen zukünftig auch die Anwender eigene Cloud-Töchter?

Schlögel: Ich glaube nicht, dass jeder eine eigene Cloud-Tochter gründen muss. Das würde auch nicht zum Erfolg führen. Aber ich glaube, mittelfristig braucht jedes Unternehmen Leute, die die Softwaresprache sprechen können – denn Maschinen werden immer softwarezentrierter.

Über Partnerschaften hinaus: Rechnen Sie damit, dass es auch Firmenfusionen und Akquisitionen geben wird?

Schlögel: Ja, das kann passieren. Und zwar in beide Richtungen. Industrieausstatter wie Siemens und GE kaufen ja heute bereits immer mehr Softwarefirmen hinzu. Ein weiteres Beispiel sind die Automobilisten Audi, BMW und Daimler, die den Kartendienst Here von Nokia übernommen haben. Auf der anderen Seite rüsten sich die Cyberspezialisten für die reale Welt: Apple und Google bauen Autos. Und selbst der E-Commerce-Spezialist Amazon hat Whole Foods gekauft, um eine physikalische Präsenz im US-Einzelhandel zu haben. Man sieht also: Die Grenzen verschwimmen.

Droht der Maschinenbau hier nicht gegenüber den IT-Spezialisten mit ihrer Geschwindigkeit und ihrer Datenkompetenz ins Hintertreffen zu geraten?

Schlögel: Nein. Ich glaube, dass man einen Vorteil hat, wenn man in diese Algorithmen-Welt auch ein Industrie-Domain-Wissen einbringen kann. Industrie 4.0 nur rein aus Datensicht zu lösen, ist nicht zielführend. Man muss IT- und Industriewissen intelligent verbinden. Es geht nicht nur darum, Daten zu sammeln, man muss sie auch im Hinblick auf die Prozesse verstehen und Rückschlüsse ziehen können. Und hier spielen eben strategische Allianzen eine wichtige Rolle.

Maschinenbauer wie Kuka und Trumpf bauen derzeit eigene Cloud-Angebote auf. Was können solche industrienahen Clouds besser als die Clouds von IT-Größen wie SAP und Amazon Webservices?

Schlögel: Man muss hier segmentieren. Cloud ist ja ein Überbegriff und beschreibt verschiedene Ebenen. Die unterste Ebene bilden Angebote für Infrastructure as a Service (IaaS) von Amazon oder Microsoft. Diese Dienste für Rechen- und Speicherkapazität nutzen wir bei Connyun auch. Denn es macht keinen Sinn für uns, ein weltweit umspannendes Datacenter-Netz aufzubauen. Eine Stufe darüber gibt es Angebote für ein Plattform as a Service (PaaS). Die dritte und oberste Ebene ist schließlich Software as a Service (SaaS). Das ist die Ebene, die der Endanwender auch wahrnimmt. Hier können wir Dienste anbieten wie Condition Monitoring, Predictive Services oder Asset Management für Maschinen. Da können wir für Endkunden sehr viel Mehrwert erzeugen.

Warum?

Schlögel: Wir verfügen eben über den entsprechenden Maschinen-Background. Ein weiterer Vorteil, den wir im Vergleich zu den großen IT-Firmen haben: Wir können die Services direkt in unserer eigenen Produktion erproben. Und gerade für Mittelständler ist es sehr angenehm, wenn sie bei der Implementierung von Industrie 4.0 mit jemandem sprechen können, der ihre Sprache spricht und der ihre Produktion versteht.

Es wird also auf absehbare Zeit so sein, dass Kuka-Kunden in der Kuka-Cloud sind und Trumpf- Kunden in der Trumpf-Cloud?

Schlögel: Wir bauen die Connyun-Cloud nicht nur für Kuka-Kunden. Wir haben auch viele Interessenten aus anderen Feldern. Letztlich wird es darauf ankommen, welcher Cloud-Anbieter es schafft, mit seinem Ökosystem für den Kunden einen gewissen Mehrwert zu generieren. Insofern wird es natürlich Konkurrenzsituationen geben. Daher gehe ich davon aus, dass es mittelfristig zu einer Konsolidierung kommt. Es werden keine 300 Plattformen überleben. Das macht gar keinen Sinn und wäre viel zu unübersichtlich. Aber es wird auch nicht nur eine oder zwei dominierende Industrie-4.0-Clouds geben.

Sondern?

Schlögel: Es wird eher in Richtung föderierte Clouds gehen. Nun wird jeder Cloud-Anbieter erstmal versuchen, möglichst viel Kunden und Traffic auf seine Plattform zu bekommen und sein Ökosystem auszubauen. Hier werden sicher einige auf der Strecke aufgeben und irgendwo anders einsteigen.

Kuka AG

www.kuka.com


Zur Person

Dr. Christian Schlögel ist Chief Technology Officer (CTO) der Kuka Group und zugleich CEO der Karlsruher Cloud-Tochter Connyun. Davor war der Diplom-Informatiker und Doktor der Wirtschaftsinformatik sechs Jahre lang Global Head of Software Development bei Wincor Nixdorf. Zuvor arbeitete er 15 Jahre im Entwicklungsmanagement der SAP in Deutschland und den USA, zuletzt als Senior Vice President Technology Product Management.


Bearbeitungszelle goes Cloud

Wie die Cloud-basierte Produktion der Zukunft aussehen kann, zeigt Kuka in der eigenen Fertigung anhand einer vollautomatisierten, vernetzten Roboterzelle, die die analoge und digitale Welt verbindet. In der Zelle produziert ein KR 500 L480-3MT Roboter in der Zusammenarbeit mit zwei Heller-Bearbeitungszentren Roboterbauteile. Dazu greift der Roboter Gussbauteile mit Hilfe pneumatischer Greifer von Zimmer und führt sie einem der Heller-Bearbeitungszentren zu.

Nachdem die Bauteile gebohrt und gefräst sind, werden sie in der Außenposition vom Roboter noch entgratet und anschließend entnommen. Um beide Bearbeitungszentren aus insgesamt vier Zuführstationen versorgen zu können, ist der Roboter auf der Lineareinheit KL 1500-3 verbaut. Im Rahmen des Digitalisierungsprojekts wurde weitere Sensorik in dem Bearbeitungszentrum installiert. Mit dem Senseforge der Firma Altran kann nun gezielt die Temperatur und Abkühlzeit der Werkzeuge überprüft werden.

Die Verbindung zur digitalen Welt erfolgt durch die Vernetzung aller beteiligten Komponenten miteinander und mit der Cloud. Die Daten werden in der Kuka Connectivity Box gesammelt und an die Cloud weitergegeben.

Entwickelt wurde die Cloud vom Tochterunternehmen Connyun. In der Cloud erfolgen die Services wie Authentifizierung, Datenverarbeitung, vorausschauende Wartung und Ereignisauswertung. Sämtliche Daten der Maschinen, Roboter, Bearbeitungsspindel und der Werkzeuge werden in Dashboards dargestellt. Auf diese Weise haben Werker, Instandhaltung und Management zu jeder Zeit und an jedem Ort die volle Übersicht und Kontrolle über den Produktionsprozess.


Mehr zum Thema Industrie 4.0
Anzeige
Aktuelle Ausgabe
Titelbild Automationspraxis 9
Ausgabe
9.2020
LESEN
ABO
Schlagzeilen
Newsletter

Jetzt unseren Newsletter abonnieren

mav Innovationsforum 2020 DIGITAL EDITION

Jetzt Webcast ansehen und spannende Themen und Innovationen erleben!

Messevideo


Mechatronik in der Mensch-Roboter-Kollaboration: Die Zimmer Group zeigt, wie es geht.

Kalender

Aktuelle Termine für die Automatisierungsbranche

Whitepaper

Whitepaper aller unserer Industrieseiten

Alle Webinare & Webcasts

Webinare aller unserer Industrieseiten

Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de