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Arbeitsaufwertung statt Arbeitsplatzabbau

Arbeit 4.0 – die Diskussion um die Zukunft der Arbeit
Arbeitsaufwertung statt Arbeitsplatzabbau

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Immer wieder gibt es Befürchtungen, dass Roboter den Menschen die Jobs wegnehmen. Das ist Unsinn, sagen Experten. Allerdings ändern sich die Aufgaben der Mitarbeiter und ihre notwendigen Skills.

Autorin: Sabine Koll

Düstere Wolken sah der IT-Branchenverband Bitkom Anfang des Jahres aufziehen: 3,4 Millionen Jobs in Deutschland stehen durch die Digitalisierung auf dem Spiel, folgerte er aus einer repräsentativen Studie. Solche Ängste vor massiven Jobverlusten sind nach Einschätzung von Arbeitsmarktexperten allerdings überzogen: „Die Digitalisierung hat kaum Auswirkungen auf das Gesamtniveau der Beschäftigung“, stellt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), die Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit, in einer aktuellen Analyse fest. Dies zeige eine Szenarioanalyse, die eine im Jahr 2035 vollständig digitalisierte Arbeitswelt mit einer Welt vergleicht, in der sich der technische Fortschritt am bisherigen Entwicklungspfad orientiert.

Auch Simulationen des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim bestätigen, dass es wohl kaum negative Gesamtbeschäftigungseffekte durch Industrie 4.0 geben wird – trotz des zunehmenden Einsatzes von Cobots oder künstlicher Intelligenz. „Cobots werden uns langfristig nicht die Arbeit wegnehmen“, ist auch Prof. Dr. Sascha Stowasser überzeugt, Direktor am Institut für angewandte Arbeitswissenschaft (IFAA).

Einig sind sich die Experten allerdings, dass Industrie 4.0 einen Strukturwandel mit veränderten Tätigkeitsfeldern, Berufs- und Sektorstrukturen bewirken wird. Bereits in den vergangenen Jahren haben Roboter dafür gesorgt, dass die Arbeitswelt stärker humanisiert wird, indem sie die physischen Belastungen für den Menschen verringern: Sie halten oder handhaben schwere Lasten oder übernehmen das Schweißen oder Einpressen von Bauteilen.

Laut Stowasser teilen sich Menschen und Roboter die Aufgaben: Monotone und schwere Arbeiten übernimmt der Roboter, da seine Stärken in der Schnelligkeit, Kraft, Reproduzierbarkeit und Präzision liegen. Der Mensch hingegen punkte mit hohem Urteilsvermögen, Intuition und Flexibilität; daher sei er bei komplexen Fügevorgängen oder Arbeitsschritten, die eine hohe Flexibilität erfordern, im Vorteil.

Routinearbeit wird automatisiert

„Tätigkeiten mit hohem Routineanteil können zukünftig automatisiert werden. Dagegen werden neue Arbeitsplätze dort entstehen, wo es zum Beispiel um Urteilsvermögen, Kreativität oder Empathie geht“, bestätigt Thorben Albrecht, bis vor Kurzem Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Auch gibt es neue Ansätze, den Menschen bei schweren Tätigkeiten in Fertigung, Montage oder Logistik zu unterstützen: So testet BMW Exoskelette, die die Mitarbeiter direkt am Körper tragen. Diese verstärken zum Beispiel die Bewegung der Oberarme oder Beine bei stark ermüdenden Arbeiten wie etwa bei der Über-Kopf-Montage oder in der Hockstellung.

Potenziale im Bereich Ergonomie

Ein Trend in der Fabrik, der sich nach Einschätzung von Prof. Dr. Wilhelm Bauer, Institutsleiter des Fraunhofer IAO, auch in den kommenden Jahren fortsetzen wird, sind schutzzaunlose Roboteranwendungen, die mit dem Menschen in einem gemeinsamen Interaktionsraum zusammenarbeiten. „Damit lassen sich Arbeitssysteme und -abläufe völlig neu und optimiert gestalten“, so Bauer auf einer Robotik-Tagung des Instituts für die Geschichte und Zukunft der Arbeit (IGZA). „Viele Firmen versprechen sich Vorteile vom schutzzaunlosen Betrieb, da der Mitarbeiter jetzt bei schwierigen, gefährlichen oder unergonomischen Tätigkeiten direkt unterstützt werden kann. Gerade die Potenziale im Bereich Ergonomie werden vor allem in der Automobilindustrie häufig als wesentliche Nutzenargumente angeführt“, so Bauer.

So wurden im Volkswagen Konzern schon mehr als 20 Serienanwendungen für Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK) realisiert, wie Dr. Holger Heyn, Leiter Zukunftstechnologien in der Volkswagen Konzern Produktion, auf der gleichen Veranstaltung berichtete. Derzeit rechne sich MRK allerdings noch nicht: „Der Aufwand für das Engineering von MRK-Anwendungen und für die entsprechend erforderlichen Arbeitssicherheits-Freigaben sind aktuell noch sehr hoch“, betonte Heyn. „Die ursprüngliche Erwartungshaltung, dass MRK eine Gestaltungslücke zwischen manueller Arbeit und Vollautomatisierung bezüglich Flexibilität und Investitionen schließt, hat sich damit also aktuell noch nicht erfüllt.“

Der Mensch gestaltet den Wandel

Zumal Technik alleine nicht ausreicht, um Arbeit 4.0 Realität werden zu lassen. „Es geht hier um Change und einen Wandel in Richtung Arbeitswelt 4.0“, betont Stowasser. „Führungskräfte müssen ihren Mitarbeitern klar, plausibel und transparent erzählen und klarmachen: Wir gehen den Prozess der digitalen Transformation zur Industrie 4.0 gemeinsam. Und ihr macht da mit, dürft da mitmachen und könnt Euch beteiligen.“

„Wir entscheiden – als Unternehmer, als Betriebsräte, als Mitarbeiter, als Sozialpartner und auch als Politik – wie die Arbeitswelt von morgen aussehen wird und aussehen sollte“, betont auch der Ex-Staatssekretär Albrecht. „Ich denke, dass der Mensch auch zukünftig im Mittelpunkt stehen und das Leitbild Gute Arbeit in die Zukunft übersetzt werden sollte. Ich bin überzeugt, dass die Unternehmen erfolgreicher sein werden, in denen der Mensch sowohl die gestaltende und entscheidende Autorität als auch der Erfahrungsträger bleibt, während seine Rolle im Arbeitsprozess durch smarte Werkzeuge und Assistenzsysteme aufgewertet wird.“

Investition in Bildung erforderlich

Um diesen massiven Umbruch für den einzelnen Arbeitenden abzufedern und die zukünftigen Fachkräftebedarfe zu sichern, müsse man neben den Investitionen in digitale Infrastruktur auch viel stärker in Beschäftigte investieren, mahnt Albrecht. „Besonders gefragt sein werden zukünftig branchenübergreifend Querschnittskompetenzen, die aus einem Mix aus intellektuellen, sozialen und organisatorischen Fähigkeiten bestehen.“ Allerdings bleiben weiterhin auch Spezialkompetenzen und Fachwissen von großer Relevanz. „Das erfordert große Anstrengungen in der Weiterbildung“, so Albrecht. „Dabei sind alle gefordert: die Arbeitnehmer, die Unternehmen, aber auch die Politik. Deshalb müssen wir zum Beispiel die aktive Arbeitsmarktpolitik zu einer pro-aktiven Arbeitsmarktpolitik weiterentwickeln.“

Digitales Können stark unterschätzt

Vor allem müsse es das Ziel sein, „die Fachkräfte mitzunehmen, ihre Qualifikationen da, wo es notwendig ist, anzupassen und ihre Stärken auch zukünftig zu nutzen“, so Albrecht. Und diese Stärken sind durchaus vorhanden: „Das digitale Können von Facharbeitern in der Produktion wird stark unterschätzt, dabei sind sie die einzigen, die produktionstechnologisches und digitales Knowhow alltäglich zusammenbringen“, betonte Prof. Dr. Sabine Pfeiffer, Professorin für Soziologie an der Universität Hohenheim, auf der IGZA-Konferenz.

Pfeiffer: „Würde man sie mehr zum Gestalter machen, ließen sich bei der Gestaltung von Industrie 4.0 ganz andere Wege gehen.“ Mit Kreativitätsmethoden könne man mit den Facharbeitern Industrie 4.0 auf dem Shopfloor gestalten – aber sie sollten von Anfang an mitgenommen werden, so ihr Appell, „nicht erst am Ende, wenn schon alles entschieden ist und den Beschäftigten nur noch bleibt, konstruktive Fehler inkrementell zu verbessern.“

www.arbeitswissenschaft.net

www.bmas.de

www.iao.fraunhofer.de

www.igza.org

www.soziologie.uni-hohenheim.de


Arbeit 4.0 @

In der Halle B4 zeigt die Sonderschau 4.0 des VDMA R+A, wie sich die Produktivität durch das optimale Zusammenspiel von Mensch und Maschine steigern lässt sowie Arbeitsplätze und -bedingungen verbessert werden können. Zu sehen sind neue Ansätze zu Assistenzsystemen, Mensch-Roboter-Kollaboration, intuitive Kommunikation und „Social Robotics“, Virtual und Augmented Reality, Wearables oder Handhelds, Gamification sowie künstliche Intelligenz.

Darüber hinaus gibt es zum Thema Arbeit 4.0 in Zusammenarbeit mit dem IGZA auf dem automatica Forum am Vormittag des 20. Juni 2018 auch eine eigene Trendsession mit Impulsreferaten und einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion zum Thema: „Wie verändern Technologien wie künstliche Intelligenz und Robotik die Arbeitswelt? Wie sollten Politik, Unternehmen, Verbände und Beschäftigte auf den digitalen Wandel der Arbeitswelt reagieren?“

Teilnehmer sind:

  • Kerstin Schreyer, Bayerische Staatsministerin für
    Familie, Arbeit und Soziales
  • Björn Böhning, Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales
  • Dr. Elke Frank, Senior Vice President HR Development, Deutsche Telekom
  • Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin, Direktor,
    Munich School of Robotics and Machine Intelligence,
    TU München
  • Dr. Andrea Fehrmann,
    Gewerkschaftssekretärin, IG Metall

www.automationspraxis.de/automaticaforum


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