Interview: Ulrich Witschel, Leiter Vertrieb Deutschland, Festo AG & Co. KG

„Wir lösen das Problem von der Applikationsseite“

Von seinen Bionik-Initiativen profitiert Festo gleich doppelt, so Ulrich Witschel, Leiter Vertrieb Deutschland: „Erstens können wir Leichtbauweise, Steuerungs- und Regelungstechnik, Strömungstechnik und die Erfahrungen mit neuen Materialien in unseren Produkten hervorragend nutzen.“ Zweitens könne man damit junge Menschen für Technik begeistern und so aktiv dem eigenen Fachkräftemangel entgegenwirken: „Man verbindet mit dem Namen Festo Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit. Das stärkt die Marke beim Kunden, aber eben auch die Attraktivität als Arbeitgeber“
Anzeige
Wo und wie Festo technisch von seinen Bionik-Initiativen profitiert und wie sich das Automationsgeschäft in Richtung Applikationsorientierung, Software und Services wandelt, erläutert Ulrich Witschel, Leiter Vertrieb Deutschland, im Gespräch mit der Automationspraxis.

Festo steht zum einen für High-Tech-Automatisierungstechnik, zum anderen aber auch für Bionik. Wie leben Sie mit dem Spagat?

Witschel: Inzwischen sehr gut. Unsere ersten Bionik-Lösungen vor nahezu 10 Jahren waren sicherlich weit weg von der klassischen Automatisierungstechnik, mit der wir heute unser Geld verdienen. Das hat sich über die Jahre erheblich geändert. In den letzten Jahren ist der Brückenschlag sehr gut gelungen.
Inwiefern?
Witschel: Das erste Produkt, das Potenziale für die Factory Automation aufgezeigt hat, war der adaptive Greifer DHDG. Mit ihm können wir sehr einfach sensible Dinge greifen und gegenüber Greifern aus Metall rund 80 Prozent Gewicht einsparen. Derzeit bieten wir drei Baugrößen an, die Blumenzwiebeln, Kartoffeln, Tomaten, Eier oder Reagenzgläser greifen können. Internationale Pilotkunden setzen den generativ gefertigten Greifer bereits in Produktionslinien ein.
Den DHDG nutzen Sie auch beim Bionischen Handling-Assistenten, mit dem Festo und IPA den Deutschen Zukunftspreis gewonnen haben.
Witschel: Ja, wir zeigen, dass man den aus Polyamidpulver hergestellten Greifer sehr erfolgreich in neuartigen Kinematiken einsetzen kann. Bei der Realisierung des Assistenzsystems hat uns nicht zuletzt unsere hohe Kompetenz in der Regelungstechnik sehr geholfen: Der Bionische Handling-Assistent verfügt über elf Freiheitsgrade. Damit sind eine Vielzahl aufgabenspezifischer Verfahrwege möglich – von der gefahrlosen Mensch-Technik-Kooperation ganz zu schweigen.
Aber ihr spektakulärer Smartbird ist wieder ziemlich weit weg von der klassischen Automation, oder?
Witschel: Das sehe ich nicht so. Auch in diesem Exponat steckt viel Technologie-Know-how, das für die Fabrikautomation hervorragend nutzbar ist. Das ist erstens wieder die extreme Leichtbauweise – der Vogel wiegt unter einem Pfund – und zum zweiten der extrem niedrige Energieverbrauch mit nur rund 25 Watt Leistung. Auch hier geht es nicht ohne intelligente Steuer- und Regelungstechnik sowie Condition Monitoring. Die Funktionsintegration von gekoppelten Antrieben gibt uns wichtige Anregungen, die wir auf die Entwicklung und Optimierung von hybrider Antriebstechnologie übertragen. Daneben erhalten wir auch Erkenntnisse in der Strömungstechnik. Dieses Wissen ermöglicht uns neue innovative Ansätze in der Leistungsoptimierung von Ventilen, Vakuumprodukten und der Druckluftaufbereitung, aber auch der Optimierung im Strömungsverhalten und der Auslegung sowie Simulation pneumatischer Antriebe.
Apropos Pneumatik: Wie groß ist das Zukunftspotenzial Ihrer Brot- und Butter-Technologie?
Witschel: Nach meiner Erfahrung nimmt die Attraktivität der Pneumatik im Moment zu. Gerade in neuen Technologiebereichen wie den erneuerbaren Energien oder E-Mobility sind wir erst am Beginn der Automatisierung. Der Bedarf für Automatisierungstechnik steigt, und die Pneumatik hilft hier gerade bei einfachen Vorgängen enorm. Aber ich will die einzelnen Technologien auch gar nicht so scharf trennen, denn oft sind Hybrid-Lösungen aus Pneumatik, Servo-Pneumatik und elektrischen Antrieben für den Kunden ohnehin die beste Lösung. Wir lösen das Problem von der Applikationsseite, und am Ende kommt dann eben eine Stückliste gemischt aus Pneumatik- und Elektrik-Komponenten heraus.
Gehen Sie also von den Komponenten zu den Systemen?
Witschel: Im Prinzip ja. Ich bin jedoch überzeugt, dass wir auch zukünftig den Automatisierungsmarkt vorrangig mit Komponenten bedienen werden. Aber der Trend zur Applikationsorientierung wird deutlich zunehmen, wir sind darauf vorbereitet und schöpfen dabei aus der Technologievielfalt bei uns im Hause.
Wie schafft man den Wechsel von einem Komponenten- hin zum System- anbieter?
Witschel: Sich als ganzheitlichen Lösungsanbieter aufzustellen, sehen wir als den Schlüssel zum weltweiten Erfolg an. Wir setzen natürlich auch in unseren eigenen Produktionsprozessen unsere Automatisierungstechnik ein und sammeln dabei wichtiges Anwendungs-Know-how. Zudem haben wir im Vertrieb einen Bereich – wir nennen ihn „Customer Solu- tions“ – mit weit über 100 Ingenieuren, Technikern und Mechatronikern, die tagtäglich an kundenspezifischen Lösungen arbeiten und sich dabei aus unserem Komponentenbaukasten bedienen. Damit sind wir Anwender unserer eigenen Produkte, sammeln vielseitige Erfahrungen und steigern ständig unsere Lösungskompetenz in Projektierung, Konstruk- tion, Systembau, Anwendersoftware und Inbetriebnahme.
Nimmt denn der Softwareanteil in diesen Projekten generell zu?
Witschel: Eindeutig ja. Einerseits werden Produkte immer intelligenter und leistungsfähiger, andererseits müssen sie einfach zu bedienen sein. Software hat dabei eine sehr hohe Bedeutung. Zudem sind Softwaretools für uns wichtige Bausteine, um mit unseren Produktbaukästen kundenindividuelle Lösungen optimal auszulegen, zu berechnen und zu konfigurieren. Ergänzend dazu spannen wir ein ganzes Netz von Dienstleitungen.
Welche Services meinen Sie?
Witschel: Hotline, Helpdesk, Inbetriebnahme-Unterstützung und vieles mehr. Eben ein umfassendes Paket an After-Sales-Leistungen. Hinzugekommen ist noch ein neuer Schwerpunkt – der Energy Saving Service. Durch ein intelligentes Monitoring, eine Energieanalyse und anschließende Beratung können wir bei Kunden in den Anlagen Schwachstellen analysieren und detektieren. So können Kunden oft ein Drittel der Energiekosten einsparen.
Sind die Kunden tatsächlich bereit fürs Energiesparen?
Witschel: Energieeffizienz ist ein Megathema. Nachhaltige Energieeffizienz in der Automatisierung bedarf eines ausgefeilten Konzeptes, welches bei Festo vier Bereiche umfasst – intelligente Auslegung, energieeffiziente Produkte und Lösungen, Services sowie Training und Consulting. Aufgrund hoher Energiepreise und steigendem Kostendruck wird Energie- und Ressourceneffizienz auch in der Automation immer wichtiger. Und ich bin überzeugt: Wir werden schneller einen wachsenden Bedarf dafür haben, als wir bisher annehmen. ab
Festo AG & Co. KG www.festo.com
„Energy Saving Services helfen, ein Drittel der Kosten einzusparen“
„Software hat inzwischen eine sehr hohe Bedeutung“
Anzeige

Aktuelle Ausgabe

KUKA: Smarte Automatisierung

KUKA Roboter Hochschule Karlsruhe

Smarte Automatisierung mit KUKA im Überblick

Newsletter

Jetzt unseren Newsletter abonnieren

Themenseite Cobot

Erläuternde Beiträge, Neuigkeiten, Anwendungsbeispiele und Hintergrundinfos rund um das Thema kollaborative Robotik

Messevideo


Greiferintegration leicht gemacht: Die Zimmer Group zeigt, wie es geht.

Kalender

Aktuelle Termine für die Automatisierungsbranche

Whitepaper

Whitepaper aller unserer Industrieseiten

Alle Webinare & Webcasts

Webinare aller unserer Industrieseiten

Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice

Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de