Auf Einkaufstour in Deutschland: Droht ein Ausverkauf des Knowhows?

China kauft sich zur Hightech-Großmacht

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Spätestens seit der Übernahme von Kuka durch Midea schlagen hierzulande die Wogen hoch: Manche Experten befürchten einen Ausverkauf des deutschen Automations-Knowhows an die Chinesen. Andere empfehlen mehr Gelassenheit – von der Entwicklung profitiere die deutsche Industrie. Autorin: Sabine Koll

Alles andere als entspannt war die Delegationsreise von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel Anfang November nach China: Vor seinem Abflug hatte er der Volksrepublik „unfaire und aggressive Handelspraktiken“ vorgeworfen. China gehe mit einer langen Liste interessanter Unternehmen bei uns auf Einkaufstour – mit der erkennbaren Absicht, sich strategische Schlüsseltechnologien anzueignen, schrieb er in einem Artikel in der Welt: „Wer in anderen Teilen der Welt investieren will, darf Investitionen aus diesen Ländern im eigenen Land nicht verhindern.“ Genau dies tue die Volksrepublik: „Chinas Joint-Venture-Zwang und Investitionsverbot in bestimmten Branchen baut einseitig Hürden auf, die unserem Verständnis widersprechen“, so der Minister. Er drohte damit, dass Deutschland und Europa für die Zukunft Instrumente schaffen werden, um sicherheitsrelevante Technologien zu schützen, wo dies geboten sei.

Bei den chinesischen Gastgebern kamen diese Botschaften nicht gut an. Der chinesische Botschafter in Deutschland, Shi Mingde, äußerte in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Deutschland sende derzeit die falschen Signale nach China und an die Außenwelt: „Außerhalb Deutschlands fragt man sich, ob hier der Handelsprotektionismus dabei ist, sein Haupt zu heben“, so Mingde besorgt.
Beifall für seine China-Kritik erntete Gabriel indes von der deutschen Industrie. „Wenn man ein noch so kleines Unternehmen in China gründet, sitzt dort auch die Politik am Tisch und gestaltet mit“, schimpft Stefan Roßkopf, Geschäftsführer des international tätigen Montage- und Prüfanlagenbauers Teamtechnik, über die ungleichen Vorzeichen beim Marktzugang. Roßkopf weiß dies aus eigener Erfahrung: Sein Unternehmen hat seit 2010 zwei Niederlassungen im Reich der Mitte.
Allerdings bessere sich die Situation, wendet Daniela Bartscher-Herold, Partner bei EAC-Euro Asia Consulting, ein: „Der Industriekatalog der chinesischen Regierung, der Einschränkungen bei Investitionen durch ausländische Unternehmen beschreibt, wurde in den letzten Jahren gelockert. Und der Joint-Venture-Zwang ist so gut wie aufgehoben.“ Ihr Unternehmen berät seit knapp 25 Jahren deutsche Investoren in China – und seit rund fünf Jahren zunehmend auch umgekehrt. Dass die Voraussetzungen für Mergers & Acquisitions in China und Deutschland unterschiedlich sind, ist dennoch für sie keine Frage. „Und dies muss die Politik auch so deutlich ansprechen“, betont Bartscher-Herold
„Man muss immer sehen, woher China kommt. Die Volksrepublik ist noch immer ein Entwicklungsland, öffnet sich aber schrittweise weiter. Die Liste der Branchen, in denen Unternehmen chinesische Joint-Venture-Partner benötigen, wird immer kleiner“, entgegnet Christoph Hoene, Inhaber von Hoene Consult. Auch er berät inzwischen investitionsfreudige Kunden in beiden Ländern.
Die heißen Diskussionen hierzulande, die mit dem Augsburger Roboterherstellers Kuka begannen und mit dem jüngsten Veto der Bundesregierung gegen die Übernahme des deutschen Chip-Anlagenbauers Aixtron durch einen chinesischen Investor einen neuen Höhepunkt erreichten, hält Hoene für „überflüssig wie einen Kropf“, so der Berater aus Göppingen: „Da wird Stimmung gemacht, auch durch Gabriel.“
Schlüsseltechnologien im Visier
Grund für die Diskussionen ist allerdings nicht nur der ungleiche Marktzugang, sondern auch die Sorge vor einem Hightech-Ausverkauf. „Die Chinesen kaufen hierzulande strategisch Schlüsseltechnologie ein, die sie für die Industrie 4.0 und die Zukunftsstrategie China 2025 benötigen“, so Teamtechnik-Geschäftsführer Roßkopf. Dass sie dies so einfach tun können, ist für ihn eine Bankrotterklärung der deutschen Industriepolitik.
Für die deutsche Wirtschaftsförderungsgesellschaft Germany Trade & Invest (GTAI) ist das angesprochene strategische Industrieentwicklungsprogramm „Made in China 2025“ nichts weniger als eine „Kampfansage an das internationale Innovations- und Technologie-Establishment“.
Das Papier skizziert Chinas Marschroute an die industrielle Weltspitze. Im Rahmen von China 2025 setzt die Regierung in Peking die Förderung von zehn strategischen Industriebranchen fort. Dazu gehören unter anderem Robotik, CNC-Maschinen sowie Informations- und Kommunikationstechnologie. Im Gegensatz zu früheren staatlichen Wirtschaftsplänen spielen Mengensteigerungen dabei keine wichtige Rolle. Ziel ist vielmehr Innovation und eine wachsende Unabhängigkeit von ausländischer Spitzentechnologie. So soll sich die Zahl der Patente bis 2025 verdreifachen. Angestrebt werden zudem 40 Innovationszentren für industrielle Fertigung in ganz China.
„Viele dieser strategischen Bereiche finden sich auch in der Hochtechnologiestrategie Deutschlands wieder, was den Ehrgeiz des Programms zeigt“, betont GTAI. Gleichzeitig zähle Deutschland zu den bevorzugten Technologiepartnern, wie erste Pilotprojekte verdeutlichen. Mergers & Acquisitions sind dabei ein bevorzugtes Mittel, um die Ziele von China 2025 zu erreichen.
Doch Berater Hoene mahnt, den Ball flach zu halten: „Die großen Befürchtungen, dass China die deutsche Industrie quasi leer kauft, sind Quatsch und weit weg jeder Realität. Man muss diese Übernahmen vielmehr als natürliche Entwicklung sehen: Chinesische Unternehmen verfügen heute über sehr viel Kapital. Das müssen sie investieren – und dass sie dies nicht mehr nur in US-Staatsanleihen anlegen wie in der Vergangenheit, ist doch völlig normal“, so Hoene.
Die Sorge der deutschen Öffentlichkeit, dass chinesische Firmen etablierte deutsche Unternehmen und deren Knowhow kaufen und absaugen sowie die Fabriken und Arbeitsplätze schließlich nach China verlagern, kann Hoene nicht nachvollziehen: „Ich kenne keinen einzigen Fall, bei dem ein chinesischer Investor so gehandelt hat. Im Gegenteil: Die chinesischen Unternehmen gehen heute sehr professionell vor, haben großen Respekt vor eingeführten deutschen Marken sowie dem Knowhow und der Technologie der deutschen Unternehmen. Und für die deutschen Firmen, die heute Chinesen gehören, war die Übernahme in der Regel von Vorteil.“
Zugang zum chinesischen Markt
Meist gebe es tatsächlich eine klassische Win-Win-Situation, bestätigt Bartscher-Herold. „Deutsche Unternehmen erhalten über Investoren Zugang zum chinesischen Markt, im Gegenzug bekommen die Chinesen Schlüsseltechnologien für die Industrie, Marken und Prozess-Knowhow.“
Ein Beispiel dafür ist das angeschlagene Reutlinger Unternehmen Manz, bei dem der staatseigene und börsennotierte chinesische Konzern Shanghai Electric heute Mehrheitsaktionär ist und somit für Finanzspritzen sorgt. Manz stellt Anlagen für die Solar- und Batterieindustrie sowie für die Produktion von Elektronikgeräten her – einschließlich Automatisierungslösungen vom einzelnen Roboter bis hin zur kompletten Fabrikanlage – also intelligent vernetzte Produktionslösungen für die Industrie 4.0. „Shanghai Electric ist gut verdrahtet, und wir setzen darauf, dass wir mit diesem Partner weitere Kunden in China gewinnen können“, freut sich Firmengründer Dieter Manz.
Auch die Übernahme des Betonpumpen-Herstellers Putzmeister Anfang 2012 durch die chinesische Sany gilt als Paradebeispiel für eine solche Win-Win-Situation: Die Jobs in Deutschland wurden durch den Investor gesichert – und das chinesische Unternehmen habe via Putzmeister ein „Fenster zur Internationalisierung“ erhalten, wie es Dr. Jiang Xiangyang, stellvertretender Geschäftsführer von Sany Heavy Industry & Chief Liaison Officer bei Putzmeister, formuliert. Sprich: Putzmeister treibt das Beton-Geschäft der Gruppe außerhalb von China voran.
Kuka-Chef Till Reuter ist ebenfalls von Synergien mit Midea überzeugt: China sei heute schon als größter Robotermarkt entscheidend für sein Unternehmen. „Unser Ziel ist es, in China Nummer 1 zu werden. Momentan beträgt unser Umsatz dort 450 Millionen Euro, in den kommenden Jahren wollen wir die Grenze von einer Milliarde knacken.“
Aufbruch- statt Katerstimmung ist auch beim Münchner Kunststoffmaschinenbauer Krauss Maffei spürbar. „Unser neuer Eigentümer Chemchina unterstützt uns nach Kräften, um das Potenzial des Markts ausschöpfen zu können“, betonte Dr. Frank Stieler, CEO der Krauss Maffei Gruppe auf der Messe K 2016. Nachdem die Voreigentümer das Unternehmen zehn Jahre lang wirtschaftlich optimiert haben und die Verkäufe im Mittelpunkt standen, gehe es nun endlich wieder darum, die technische und wirtschaftliche Position einzunehmen, die Krauss Maffei im Markt zusteht.
Automatisierung spielt große Rolle
„Angesichts voller Auftragsbücher stehen wir vor der Herausforderung, unsere Kapazitäten zu erhöhen. Dabei unterstützt uns Chemchina“, so Stieler. Außerdem bekomme man nun Zugang zu neuen Kunden in China und Asien, gerade Staatsunternehmen oder Unternehmen, die vom Staat unterstützt werden.
Umgekehrt hat Krauss Maffei nun im Konzern bei den Maschinenbau-Aktivitäten den Hut auf – einschließlich der Chemchina-Standorte in China. Das Interesse der Kunden in Europa und den USA sei sehr groß an diesen in China hergestellten und bislang ausschließlich dort vertriebenen Produkten. Dies betreffe beispielsweise das Produktportfolio für die Extrusion im Gummibereich, also für die Reifenherstellung. Stieler: „Wir haben die Vision, künftig große Teile von Reifenfabriken aus einer Hand anzubieten.“
Automatisierung und Industrie 4.0 spielen dabei nach Darstellung von Stieler eine Rolle: „In China entsteht durch die Ein-Kind-Politik ein zunehmender Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Dadurch ist der Druck auf Automatisierung noch größer als hier im Westen. Wir prüfen gemeinsam mit unserem Eigentümer, wie wir in unserem Umfeld die Automatisierung weiter vorantreiben können“, verriet er einer Schweizer Fachzeitschrift.
Ob sich all diese Win-Win-Situationen aber auch langfristig halten, bleibt noch abzuwarten. „Die Belege dafür, dass tatsächlich beide Seiten profitieren, steht sicherlich noch aus. Dies wird erst die Zeit zeigen“, wendet Bartscher-Herold ein.
Und wie geht es weiter? „Die nächste Welle wird nun sein, dass chinesische Investitionsgüterhersteller über Mergers & Acquisitions Zugang zum deutschen und europäischen Markt haben wollen“, ist Berater Hoene überzeugt. „Bislang stand dieses Motiv für chinesische Firmen noch im Hintergrund. Viele sind noch nicht international aufgestellt – doch dies wird sich in den nächsten Jahren sicher ändern.“
Und Bartscher-Herold beobachtet noch eine weitere Welle: „Chinesische Investoren drängen, bislang noch kaum beachtet, massiv in unser Bildungssystem ein. Dies ist unser Herzstück und stellt die Basis für unsere Industrie sowie unsere Innovationen dar. Dies bereitet mir aktuell die größten Sorgen.“
„Chemchina unterstützt uns, das Potenzial des Markts ausschöpfen zu können, nachdem die Voreigentümer das Unternehmen zehn Jahre lang wirtschaftlich optimiert haben und die Verkäufe im Mittelpunkt standen.“
Dr. Frank Stieler, CEO, Krauss Maffei Gruppe
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