Interview mit Tomas Hedenborg, Group CEO, Fastems Oy Ab „Software-Fokussierung unterscheidet uns“

Interview mit Tomas Hedenborg, Group CEO, Fastems Oy Ab

„Software-Fokussierung unterscheidet uns“

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Warum die Software beim Fabrikautomatisierer Fastems inzwischen die Hauptrolle spielt, erläutert Group CEO Tomas Hedenborg im Interview mit der Automationspraxis. Autor: Dr. Frank Michael Kieß

Gerade aus der Robotikindustrie hört man immer wieder, die Werkzeugmaschinenbranche stehe in punkto Automatisierung eher noch am Anfang. Teilen Sie diese Einschätzung?

Hedenborg: Fastems beschäftigt sich seit bald 35 Jahren mit der Automatisierung von Werkzeugmaschinen. Aber wir teilen die Einschätzung, dass noch sehr viel Nachholbedarf besteht.
Woran liegt das?
Hedenborg: Meines Erachtens liegt das an zwei Faktoren: Die Werkzeugmaschinenhersteller haben eigentlich keine wirkliche Automatisierungsstrategie, und ihren Kunden mangelt es an Wissen und Bewusstsein dafür, weshalb sie diese auch nicht einfordern können.
2012 haben Sie sich mit dem deutschen Robotik-Spezialisten Pneumotec verstärkt. Wie sind Sie jetzt in Deutschland aufgestellt?
Hedenborg: Nach einer gewissen Übergangszeit haben wir die deutschen Aktivitäten in der Fastems Systems GmbH mit Hauptsitz in Issum verschmolzen. Die Vetriebs- und Servicebüros sind in Göppingen angesiedelt, aber wir haben auch weitere Ressourcen in Deutschland und im deutschsprachigen Raum. Fastems Systems ist mittlerweile vollständig integriert in den Konzern, mit einer klaren thematischen Aufgabentrennung: Palettenbasierte Automatisierung, flexible Fertigungssysteme und Software sind im Stammhaus in Finnland konzentriert. In Issum kümmern wir uns um Werkstückautomatisierung und -handhabung mit Robotern und Portallösungen.
Ist Deutschland denn ein spezieller Markt für den Einsatz von Automatisierung? Manche sagen, hierzulande sei man rückständig im Vergleich zu anderen europäischen Regionen, etwa Skandinavien oder Holland…
Hedenborg: Rückständig ist vielleicht ein zu starkes Wort. Aber das Potenzial in Deutschland ist schon noch gewaltig. Ich hoffe, dass der Trend zu Industrie 4.0 das Bewusstsein für die Notwendigkeit der Automatisierung stärken wird. Was hier vor ein oder zwei Jahren noch sehr abstrakt und hochtrabend diskutiert wurde, ist jetzt schon deutlich konkreter geworden.
Viele Hersteller verkaufen Automatisierung an sich schon als Industrie 4.0. Ist sie nicht eher die Voraussetzung dafür?
Hedenborg: Ja, das ist so. Aber ich glaube wir können mit Recht behaupten, dass wir schon zu einem beachtlichen Teil Industrie-4.0-Lösungen umsetzen – auch wenn es noch großes Erweiterungspotenzial gibt. Ein großes Thema ist für uns ja die Verfügbarkeit. Unser Slogan ist 8760. Sprich: Mit unseren Automationslösungen helfen wir den Kunden, die 8760 Produktionsstunden pro Jahr optimal auszuschöpfen. Wir statten daher schon seit 35 Jahren unsere Systeme mit Ferndiagnostik aus. Unsere Statistik zeigt, dass wir 85 Prozent der von Kunden gemeldeten Störfälle aus der Ferne lösen können, ohne dass ein Servicetechniker dafür zum Kunden kommen muss.
Der nächste Schritt wäre Predicitive Maintenance?
Hedenborg: Genau. In wenigen Jahren wollen wir 85 Prozent aller potenziellen Störfälle vermeiden, bevor sie überhaupt auftreten. Auf der Basis dessen, was wir schon an Technologie und Knowhow im Einsatz haben, ist das absolut realistisch.
Wie weit sind Sie bei der Anbindung Ihrer Automationssysteme an Logistik, Warenwirtschaftssysteme, ERP?
Hedenborg: Unsere Software MMS5 macht heute eigentlich genau das. Sie bildet eine Art Zwischenschicht zwischen den Unternehmenssystemen und dem Shopfloor mit den Maschinen und anderen Ressourcen. Wir steuern Logistikflüsse, optimieren den Einsatz von Werkzeugmaschinen und Peripherie, in manchen Fällen steuern wir auch nachgeschaltete Prozessschritte wie Qualitätssicherung, Oberflächenbehandlung und Montage.
Das klingt nach der Funktionalität einer MES-Software…
Hedenborg: Es ist eine sehr spezialisierte MES-Software mit spezifischen Eigenschaften für die spanende Fertigung.
Also alles Dinge, die in einem Standard-MES zu allgemein implementiert sind?
Hedenborg: Richtig. Wir decken zu mehr als 90 Prozent das ab, was im allgemeinen MES-Standard dokumentiert oder spezifiziert ist. Aber wir bieten eine Menge zusätzlicher Eigenschaften, die eng mit der spanenden Fertigung verknüpft sind. Dazu zählt ein über Jahrzehnte gesammeltes Wissen, wie alle Arten von Werkzeugmaschinen anzubinden sind. Es gibt nicht allzu viele Player am Markt, die diese Fülle an Knowhow haben.
In der Vergangenheit sind die Schnittstellen ja oft von den Herstellern gar nicht oder nur gegen Zusatzkosten herausgegeben worden. Hat das die Entwicklung erschwert?
Hedenborg: Auf jeden Fall. Da kommt natürlich der Endkunde mit ins Spiel. Wenn er eine klare Vorstellung hat, wie er automatisieren will, und diese auch artikulieren kann, dann hat der Maschinenhersteller kaum eine andere Wahl als mitzuspielen. Wir sehen da auch keinen großen Widerstand. Die Maschinenhersteller wollen ja in erster Linie ihre Maschinen verkaufen und dafür sorgen, dass ein optimales Ganzes daraus entsteht.
Was differenziert Ihre Lösungen von anderen? Gibt es eine Fastems-DNA?
Hedenborg: Ein wichtiger Punkt ist, dass wir ein unabhängiger Integrator sind. Und dass wir uns ganz bewusst in Richtung Software entwickelt haben. Das bedeutet nicht, dass wir die Hardwareseite vernachlässigen, aber im Kern der Umsetzung steht dann doch die Software, weil der größte Aufwand bei der maßgeschneiderten kundenadaptierten Lösung getrieben wird. Ich denke, diese Software-Fokussierung unterscheidet uns von vielen anderen Playern im Markt.
Wie verankert man einen solchen SoftwareFokus im Unternehmen?
Hedenborg: Man muss umdenken. Denn die Prozesse in der digitalisierten Welt sind deutlich agiler und schnelllebiger, als wir dies bislang aus unserer konservativen Industriewelt kennen. Daher müssen wir unsere Arbeitsweise an dieser Agilität ausrichten und uns an die Geschwindigkeit der Softwarewelt anpassen.
Was bedeutet das konkret?
Hedenborg: Die neue, digitalisierte Welt entsteht nicht auf dem klassischen Weg. Es wird künftig nicht mehr so sein, dass man für einen konkreten Kundenbedarf eine Lösung entwickelt und diese dann perfekt ausfeilt, bis sie auf dem Markt vorgestellt wird. Die Entwicklungen müssen künftig viel stärker in einem sehr engen Dialog mit den Kunden stattfinden. Sprich: Ideen müssen schnell in Prototypen umgesetzt werden, um dann in Pilotversuchen zusammen mit den Kunden zu überprüfen, ob man in dieser Richtung weitermarschieren will oder man besser eine andere Richtung einschlägt.
Ist der Softwarebereich eine Stärke der finnischen Industrie?
Hedenborg: Wir sind in Finnland in der glücklichen Lage, über sehr hochwertiges IT- und Software-Knowhow zu verfügen. Das hat viel zu tun mit dem Ökosystem, das sich um Nokia herum ausgebildet hat. Im Zuge der Umwälzungen dort sind viele Spezialisten in Richtung konventionelle Industrien abgewandert. Auch bei uns sind viele Ex-Nokia-Mitarbeiter.
Ein großes Thema im Industrie-4.0-Kontext sind Cloud-Plattformen für Industriekunden. Wie bringt sich Fastems dort ein?
Hedenborg: Weil es einfach eine Grundvoraussetzung ist, um digitalisierte Dienstleistungen und Ökosysteme aufzubauen, haben auch wir uns um einen Cloud-Service bemüht, der für uns geeignet ist. Zugleich haben wir hardwareseitig Connectivity-Lösungen entwickelt, mit denen wir in der Lage sind, große Datenmengen in Echtzeit hin und her zu transportieren.
Welchen Hosting-Partner haben Sie?
Hedenborg: Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Serviceprovidern, die fertige Cloud-Lösungen anbieten. Wir haben uns für Thingworx von PTC entschieden. Das war für uns klar die Nummer eins, was Funktionalität und Möglichkeiten angeht.
Fastems Systems GmbH
„Dank Fernwartung können wir heute 85 Prozent aller Störfälle aus der Ferne lösen. In Zukunft wollen wir 85 Prozent aller potenziellen Störfälle vermeiden, bevor sie überhaupt auftreten.“ Tomas Hedenborg, Fastems

USA und China kommen
Mit seinen Lösung zur Automatisierung von Werkzeugmaschinen ist Fastems in einem wachsenden Markt aktiv. „In den vergangenen zwei Jahren sind wir ordentlich gewachsen, sowohl in Deutschland als auch global“, sagt CEO Tomas Hedenborg. „Allerdings verhalten sich die Märkte etwas nervös und abwartend, was auch mit den vielen politischen Unsicherheiten zusammenhängt.“
Größere Wachstumsraten haben die Finnen zuletzt in den USA erzielt. „Ein Trend zur Reindustrialisierung ist eindeutig sichtbar, und man setzt dabei viel stärker auf Automatisierung als in der Vergangenheit. Wir sind eng mit der Luftfahrtindustrie verknüpft, und dort gibt es ein solides Wachstum.“ Aber auch die Automobilindustrie ist ein wichtiger Wachstumsmarkt für Fastems, gerade in Europa und im deutschsprachigen Raum. „Nicht zuletzt mit dem Erwerb von Pneumotec 2012 haben wir unsere Kundenbasis im Bereich der Automobilzulieferer verstärkt.“
Einige Hoffnungen verbindet Hedenborg auch mit China: „Wir haben rund 30 flexible Fertigungssysteme in China installiert. Das Land ist ein wichtiger Zukunftsmarkt für die Automatisierung – vor allem wegen der demografischen Entwicklung, die dort noch deutlich radikaler ausfällt als in Europa. Es wird einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften geben.“ Zugleich verliert China allmählich den Vorteil der niedrigen Lohnkosten an aufkommende Nachbarländer wie Vietnam. „Entsprechend betreibt die chinesische Regierung seit Jahren ein umfangreiches Programm, um den Robotereinsatz zu steigern.“ ↓

Automationspraxis-Expertenforum: Quo Vadis Automation 20.–21.06.2017
Bei und mit Fastems veranstaltet Automationspraxis am 20. und 21. Juni 2017 das Expertenforum Quo Vadis Automation. Vormittags widmet sich das Expertenforum in Issum dem Megatrend der Digitalisierung. Highlight neben dem Vortrag von Fastems-CEO Tomas Hedenborg ist der Digitalisierungsvordenker Karl Heinz Land, der als digitaler Darwinist mit seinen Keynotes stets für Furore sorgt. Am Nachmittag berichten Anwender wie MTU, Daimler, Wila und N. Kempf CNC Technik, welche Erfolge sie mit Fabrikautomation in der Praxis erzielen. Begleitend dazu gibt es eine Hausmesse mit ausstellenden Partnern wie Fastems, Fanuc, ABB, Halter, OK Vise, Polund, Isra Vision, Sick und Amtru Business. ↓
automationspraxis.de/events/quovadisautomation
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