Interview: Henning Kagermann, Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaft Acatech „Künstliche Intelligenz sichert Arbeitsplätze“

Interview: Henning Kagermann, Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaft Acatech

„Künstliche Intelligenz sichert Arbeitsplätze“

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Kagermann: „Industrie 4.0 führt – wenn wir sie konsequent angehen – dazu, dass noch mehr Produktion zurückgeholt wird.“ © Fotohinweis:
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Wie die deutsche Wirtschaft vom Einzug der künstlichen Intelligenz profitieren kann, erklärt 4.0-Vordenker Henning Kagermann, Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaft Acatech.

Interview: Wolfgang Hess

Sie propagieren eine bessere Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft. Warum?

Kagermann: Durch den Wandel zur Industrie 4.0 entsteht bei den Firmen der Bedarf nach Kompetenzen, die sie bisher nicht hatten. Beispielsweise wird künstliche Intelligenz (KI) plötzlich überall nachgefragt. Wenn es lediglich um inkrementelle Innovationen geht, also um Innovationen, basierend auf bestehenden Produkten, brauchen die Firmen die Wissenschaft oft nicht. Wenn es aber radikale Veränderungen gibt, benötigen sie fundamentale neue Kompetenzen, die häufig nur in wissenschaftlichen Instituten vorhanden sind. Durch solche Kooperationen gewinnen Unternehmen auch neue Mitarbeiter mit der entsprechenden Expertise. Wichtig ist aber, dass Konsortien gebildet werden, in denen nicht nur die Großindustrie, sondern auch der Mittelstand vertreten ist.

Warum ist der Mittelstand so wichtig?

Kagermann: Eine Kooperation allein zwischen wissenschaftlicher Exzellenz und Topfirmen, aber ohne mittelständische Unternehmen, würde eine tragende Säule unserer sozialen Marktwirtschaft außer Acht lassen. Auch wird es immer stärker auf leistungsfähige Geschäftsmodell-Ökosysteme ankommen, in denen kleinere und größere Unternehmen kooperieren. Deshalb haben wir einen Online-Kurs Hands-on Industrie 4.0 angeboten. Er gibt leicht zugänglich einen Überblick über das Konzept, Anwendungen und Herausforderungen.

Mit welchem Erfolg?

Kagermann: Wir hatten fast 8000 Kursteilnehmer. Zwei Drittel davon kamen aus Unternehmen. Die Kursmodule sind kostenfrei, auf Deutsch und von überall über das Internet verfügbar. Der Zuspruch hat uns ermutigt, deshalb starten wir bald einen zweiten Kurs – über maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz.

Wird sich die gute Beschäftigungssituation in Deutschland durch die massive Integration von KI verschlechtern?

Kagermann: Ich glaube nicht. Denn wenn wir die neuen Methoden und die sich daraus ergebenden Chancen nutzen, verbessern wir unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit weiter und sorgen so für ein Plus an Wertschöpfung und Arbeitsplätzen. Schon heute lohnt sich die Verlagerung von Arbeit an Billiglohnstandorte immer weniger. Industrie 4.0 führt – wenn wir sie konsequent angehen – dazu, dass noch mehr Produktion zurückgeholt wird. Zweitens haben wir ähnliche Technologieschübe bereits gut gemeistert. Auch als sich vor etlichen Jahrzehnten die Automatisierungswelle ankündigte, haben die Menschen gestöhnt. Doch was ist am Ende passiert? Die Unternehmen, die diese Phase aktiv gestaltet haben, gehörten zu den Gewinnern – darunter auch viele deutsche Firmen. Unser moderner industrieller Kern garantiert Stabilität und Arbeitsplätze. Viele japanische Unternehmen klebten dagegen lange an den alten Beschäftigungsmodellen, produzierten in der Folge zu teuer und bekamen Schwierigkeiten.

Aber brauchen wir für die Arbeitsplatz-Sicherung nicht auch neue Qualifikationen?

Kagermann: Ja, wenn wir mit Industrie 4.0 Arbeitsplätze schaffen wollen, dann hängt dies ganz entscheidend von der Qualifizierung der Belegschaften ab. Wir haben zur Kompetenzentwicklung kürzlich eine Arbeit vorgelegt. Sie zeigt erstens, wie wichtig das Thema ist, zweitens dass wir hier noch viel zu tun haben und drittens: Die Digitalisierung erleichtert, individualisiert und erweitert die Aus- und Weiterbildung. Mit innovativen digitalen Methoden können wir Menschen auch on the job qualifizieren. Sie ermöglichen eine Weiterbildung, die am individuellen Wissensstand punktgenau andockt und Menschen entlang ihres persönlichen Bedarfs qualifiziert. Früher konnten sich nur wenige Privatlehrer leisten. Heute haben wir ein gutes Bildungssystem für alle, aber recht große Klassen. Mit digitalen Hilfsmitteln ist beides möglich: Individuelle Bildung, die aber jedem, jederzeit und überall zugänglich ist.

Heißt das, jeder Auszubildende wird künftig von einem elektronischen Coach unterstützt?

Kagermann: Ja. Mit elektronisch unterstütztem Lernen können wir besser auf das Individuum eingehen. Es ist doch gut, wenn sich das Ausbildungssystem dem Einzelnen anpasst.

Dann werden aber auch die Lernleistungen und -ergebnisse gläsern…

Kagermann: Die digitalen Assistenten und Unterrichtssysteme müssen Lernprofile erfassen, nur so sind individualisierte Lerneinheiten möglich. Natürlich lässt sich potenziell auch auswerten, wer beispielsweise schneller oder langsamer lernt. Wie bei allen IT-Hilfsmitteln in der Arbeit müssen die Sozialpartner deshalb die richtige Balance zwischen dem Nutzen und dem Schutz individueller Daten aushandeln – deshalb ist es gut, dass wir in Deutschland die Debatte über Industrie 4.0 früh angestoßen und die Arbeitnehmervertreter von Beginn an einbezogen haben.

Acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften e.V.

www.acatech.de


Zur Person

Professor Dr. Henning Kagermann ist seit Juni 2009 einer der beiden Präsidenten der Deutschen Akademie für Technikwissenschaft Acatech. Der promovierte Physiker arbeitete von 1982 bis 2009 bei SAP, ab 1991 als Vorstand. Kagermann gilt als (Mit-) Erfinder der Industrie 4.0 und als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Deutschland AG. Er leitet auch den Innovationsdialog zwischen Bundesregierung, Wirtschaft und Wissenschaft.

Das Gespräch führte Wolfgang Hess, lange Jahre Chefredakteur unserer Schwesterzeitschrift Bild der Wissenschaft und aktulell Redaktionsdirektor Sonderprojekte der Konradin Mediengruppe.

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